Auf der "Boston Ghost Tour" machen Kinder einen gar grauseligen Fund: sie finden eine abgetrennte Hand, als sie den Schauplatz eines 19 Jahre zurückliegenden Amoklaufs, ein chinesisches Restaurant, besichtigen. Hier hatte Anfang der 90er Jahre ein asiatischer Einwanderer namens Wu Feiming, seines Zeichens Koch, vier Menschen getötet und anschließend sich selbst gerichtet.
Die Hand ruft Rizzoli und Partner Frost auf den Plan. Auf dem Dach eines Hauses in der gleichen Straße, finden sie die dazugehörige, fast enthauptete, Frauenleiche, auf deren Kleidung sich merkwürdige weiße Haare finden.
Das Navi der Toten führt die Ermittler zu Iris Fang, Besitzerin einer Kampfschule und zu Dt. Ingersoll, der vor 19 Jahren die Ermittlungen leitete.
Schnell stellt sich heraus, dass alles mit dem Amoklauf zusammenhängt ... Iris verlor damals ihren Mann, der dort als Bedienung arbeitete und ein guter Freund des Mörders war. Sie zweifelt bis heute an der Schuld Wus.
Rizzoli begibt sich mit ihrem Partner und Dt. Tam (neu in Team), tatkräftig unterstützt von Isles, auf eine akribische Spurensuche, die sie tief ins Herz von Chinatown und dessen Mythen und Legenden führt, wie auch zu der Frage: Was geschah vor 19 Jahren wirklich?? Was hat es mit der mysteriösen Iris Fang und dem tragischen Verlust ihrer Tochter auf sich?? Was hat das Ganze mit einem weiteren verschwundenen Mädchen zu tun?
Da geschehen weitere Morde ...
Wie immer wirft Gerritsen den Leser gekonnt ins Geschehen. Man sieht sich unvermittelt diversen Fragen & Toten gegenüber. Großer Pluspunkt des Buches ist die Thematik rund um chinesische Mythen. In diesem Fall geht es um die Frage von Moral und Rache bzw. Gerechtigkeit. Dürfen wir Unrecht selbst richten? Ist Rache das Gleiche wie Gerechtigkeit? Dabei ist nichts so wie es zunächst scheint ...
Wie Gerritsen im Nachwort selbst schreibt: dies ist wohl ihr persönlichstes Buch. Auf rund 440 Seiten entwirft sie einen spannenden und kurzweiligen Fall ohne Längen. Wobei ich trotzdem sagen muss: in der Mitte, als auch kurz vor dem Showdown zieht sich das Geschehen manchmal etwas, v.a. durch die akribische Beleuchtung und Aufarbeitung des Amoklaufes.
Gut gelungen ist ihr mal wieder die Schwerpunktverlagerung der Protagonisten: diesmal bleibt Maura außen vor. Trotzdem erfährt man einiges über sie, sie kommt nicht zu kurz; Rat besucht sie. Sie ist wie immer gut gezeichnet in ihrer Pflichtbesessenheit und privaten Problemen.
Gelungen auch ihr Kampf zwischen Anspruch des Berufes (Maura) und Menschlichkeit (Jane). `
"'Nein, sie würde das nicht verstehen', pflichtete Jane ihm bei. Was Maura verstand, waren Fakten (...). Ja oder nein, schwarz oder weiß - für Maura war die Unterscheidung immer sonnenklar." (420)
Nicht zuletzt dieser Unterschied macht die beiden Hauptfiguren so interessant.
Im Mittelpunkt steht diesmal allerdings Rizzoli und ihre Suche nach den Hintergründen, die sie fast das Leben kosten. Sehr zum Verdruss ihres Göttergatten lässt sie aber nicht locker und verfolgt mit der ihr eigenen Verbissenheit die Aufklärung der Morde. Auch die private häusliche Situation um "Mum und Korsak" unterhält bestens.
Fazit:
Gelungener Fall, der allerdings nicht ganz an die ersten "atemberaubend" spannenden Falle heranreicht (Die Chirurgin, Der Meister, Schwesternmord). Großes Plus ist für mich immer noch ihre unterschiedliche Fokussierung auf Isles und Rizzoli.
Während ich in der Mitte zu 4* neigte, muss ich sagen: das Ende hat es in sich! Wer denkt er ahnt, worauf das Alles hinausläuft, der wird so mach unerwartete Überraschung erleben. Ich jedenfalls fühlte mich bestens unterhalten.
Deswegen 5* mit Tendenz zu 4,5. Gerritsen schafft es auch nach Jahren noch, in ihrem 9. Fall, die Hauptfiguren wieder überzeugend ermitteln zu lassen. Deswegen ist und bleibt sie meine #1 in Sachen Pathologie & Thriller!
Tipp fürs Kindle/die Kindle App (auch für den PC):
Freaks: A Rizzoli & Isles Short Story