«Grässlich, wie etwas aus Afrika»
Richard Dooling: «Grab des weissen Mannes»
In der Nachfolge Joseph Conrads via Afrika ins Herz der menschlichen Finsternis vordringen zu wollen, mag heute, unter den Vorzeichen multikultureller Toleranz und politischer Korrektheit, zumindest ein zweifelhaftes Unterfangen sein. Wenn der 1955 geborene Amerikaner Richard Dooling diesen Weg dennoch einschlägt, dann immerhin mit dem Verweis auf die Tatsache, dass er weiland sieben Monate im «Grab des weissen Mannes» so nennt die Fama den westafrikanischen Kleinstaat Sierra Leone, den zentralen Schauplatz seines Romans verbracht hat.
Den Stellenwert dieses Authentizitätsanspruchs (wie immer man ihn, angesichts der Dauer des Aufenthalts, veranschlagen mag) unterläuft Dooling freilich gleich wieder, indem er als Hauptquellen seiner Darstellung «einige Bücher» über die Kultur der in Sierra Leone ansässigen Ethnien rubriziert. Daraus mag sich erklären, dass in einer Zeitspanne, da in dem afrikanischen Land ein äusserst realer, äusserst brutaler Bürgerkrieg Zehntausende von Todesopfern forderte und ein Drittel der Bevölkerung von ihrem angestammten Terrain vertrieb ein Roman entstand, der sich statt dem wahrhaftigen Grauen dem wohligen Schauder vor exotisch-primitiven Ritualen und Lebensformen verschreibt. Sierra Leone wird weitgehend aufs Mass einer vom Flair westlicher Kultur kaum gestreiften Dorfgemeinschaft reduziert, wo die in Spruchweisheiten verschlüsselte Autorität der Alten, die argusäugige Neugier eines allem Individualismus abholden Kollektivs und nicht zuletzt erbärmliche hygienische Verhältnisse herrschen. Diese Realien überkrönt Dooling mit seinem persönlichen Lieblingssujet: einem allgegenwärtigen und obsessiven Aberglauben, der sich in Fetischzauber und magischen Praktiken (vorzugsweise unter Einbezug menschlicher Bestandteile) auslebt.
Selbstverständlich sind, zumindest aus «weisser» Perspektive, Doolings An- oder Einsichten nicht integral verfehlt. Zum einen weisen manche seiner wohl aus eigener, unmittelbarer Erfahrung resultierenden Betrachtungen und Impressionen und sei es nur die Skizze eines auf staubiger Strasse wartenden Kindes eine Wachheit und Sensibilität der Beobachtung aus, der man im Buch mehr Raum gewünscht hätte. Anderseits sind die in unterschiedlicher Distanz zur afrikanischen Bevölkerung positionierten weissen Protagonisten des Romans ebenfalls mit harsch karikierendem Strich entworfen. Und ein jeder unter ihnen, vom zynisch arroganten Hilfswerk-Funktionär bis zum scheinbar restlos ins Leben der schwarzen Dorfgemeinschaft integrierten Späthippie, kommt auch nur im mehr oder minder differenzierten Bewusstsein seines Andersseins zu Wort; wobei dieses sich weniger im äusserlichen Kontrast der Hautfarben manifestiert denn in der inneren Prägung durch scheinbar? konträre Kulturen und Geisteswelten.
Das «scheinbar» fixiert den Angelpunkt und die Crux von Doolings Roman. Nicht um den direkten Austrag der Differenz zwischen westlicher und afrikanischer Kultur geht es dem Autor, sondern um die in eine saftige Story verpackte Gleichung zwischen «Zivilisation» und «Barbarei». Ein Peace-Corps-Volontär verschwindet in Sierra Leone unter ungeklärten Umständen; sein Vater, der als elektronisch hochgerüsteter Staranwalt dubiose Konkursfälle mit dem Tempo und der Effizienz eines Mörderhais erledigt, und ein gutwillig-unbedarfter Freund des jungen Mannes nehmen auf verschiedenen Wegen die Suche auf. Nicht nur der weizenhaarige Parzival, der sich ins «Grab des weissen Mannes» vorwagt, bekommt die Macht der schwarzen Magie zu spüren, sondern auch der zwischen Computerterminal und Telefon agierende Bürokrat; und durch den Haarriss im Bewusstsein des letzteren quillt, die gesamten Errungenschaften von Wissenschaft und Technik mit sich reissend, eine Paranoia, die dem im Buch beschworenen afrikanischen Hexenwahn in nichts nachsteht. Die maladie imaginaire steigert sich zur irrationalen Obsession; das zur Erklärung des Leidens bemühte Medizinerlatein scheint nicht minder opak denn die in Sprichwörtern kaschierte Meinungsäusserung eines schwarzen Weisen, die Tomogramme bergen, wie Fetische, ihre chiffrierten Unheilsbotschaften und Bannflüche.
Soweit der interkulturelle Vergleich, den der Autor auch auf anderer Ebene kräftig bemüht: bis zum Überdruss wird die Parallele zwischen dem skrupellosen Anwalt und dem blutrünstig primitiven «Krieger» beschworen und wenn der rabiate Rechtsvertreter den Kopf eines Kontrahenten in einem amerikanischen Vorgärtchen auf einen Spiess zu pflanzen wünscht, sind wir sogar in motivischer Hinsicht wieder in Conrads «Herz der Finsternis» angekommen.
Was an Doolings Roman irritiert, ist keineswegs die durchaus begründete, durchaus nicht immer geistlose Kritik an der afrikanischen wie der (vor allem ins Visier genommenen) westlichen Gesellschaft, sondern vorab das aus dem ethnologischen Gruselkabinett hervorgeklaubte tertium comparationis: man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, der Autor selbst sei beim Tändeln mit schwarzer Magie und fremden Fetischen einem weder seiner Scharfsicht noch dem satirischen Potential seines Buchprojekts besonders bekömmlichen Zauber verfallen.
Angela Schader
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ein spannender Roman und eine herrliche Satire.
Ein Amerikaner auf der Suche nach seinem verschollenen Freund. Wer in Amerika ein mächtiger Mann ist, kann sich oft gar nicht vorstellen, daß es Gegenden in der Welt gibt, wo eine Handvoll Dollar und ein bißchen politischer Druck nicht augenblicklich die gewünschten Ergebnisse bringen. Aber Westafrika ist nun mal anders als der Mittlere Westen. Das jedenfalls muß Randall Killigan feststellen, als sein idealistischer Sohn Michael spurlos in Sierra Leone verschwindet. Da er selbst viel zu sehr damit beschäftigt ist, Geld zu verdienen, schickt er Michaels Freund Boone hinter dem jungen Mann her. Dieser ziemlich naive Glücksritter stolpert in einen wahren Dschungel von schwarzer Magie und politischer Korruption.