111 Gründe erwachsen zu werden, ein Spießer zu sein, Babys, Hunde, Männer, Frauen und Sadomasochismus zu lieben, 111 Fakten, die aus Söhnen & Töchtern Väterversteher und aus allen Eltern Teenie-Versteher machen. Unter einem solchen Konzept lässt sich über alles berichten, sofern genügend Zeit für das Recherchieren zur Verfügung steht. Aber wer ein kluges Sammelbecken wählt, dem plumpsen die Ideen schon fast allein hinein. Das merkte offenbar auch der Autor dieser Gründesammlung, wenn er unter Nummer 111 "Weil wir einzigartig sind (ein Nachwort)" schreibt, dass die Selbstliebe in allen Bereichen eine Rolle spiele und in der richtigen Dosierung unverzichtbar sei. Zwar versucht Holger Reichard mit 22 Kapiteln ein wenig Ordnung in seine unterhaltsame Gedankensammlung zu bringen, aber das Setzen von Schwerpunkten überlässt er ganz dem Leser. Dass dieser allerdings nach 274 Seiten eine ähnlich erfolgreiche Entdeckungsfahrt wie der Autor hinter sich hat, ist kaum anzunehmen. Denn schließlich durchlief ja nur der Autor all die Höhen und Tiefen, die das Zusammentragen, Bewerten und Aufschreiben unzähliger Gedanken mit sich bringt. Aber als Entschädigung für den etwas geringeren Erkenntnisgewinn erhält das Publikum viel gute Unterhaltung, weil Holger Reichard locker, anschaulich und witzig schreiben kann. Zudem bemüht er sich zum Glück wenig darum, jede seiner Formulierungen der Prüfung zu unterziehen, ob sie politisch korrekt sei. Ob der Wunsch des Autors in Erfüllung geht, mit diesem Buch ebenso viel Geld zu verdienen wie Joanne K. Rowling wird die Zukunft zeigen. Viel wahrscheinlicher ist, dass er nicht länger hoffen muss, dass Bücherschreiben auch kleine Minderheitskomplexe therapieren kann.
Pro Grund, sich selbst zu lieben, sind zwei Seiten reserviert. Aber das ist denn auch schon das einzige formale Element, das sich konsequent wiederholt. Sonst variiert Holger Reichard gekonnt mit verschiedenen Textsorten. Er stellt Fragen, erzählt Anekdoten, berichtet aus seinem eigenen Leben, stellt Behauptungen auf, zitiert aus allen möglichen Quellen, brilliert mit Faktenwissen, kupfert aus der Regenbogenpresse ab, vergleicht Birnen mit Gurken und Nasen mit Nasen, rast durch die Epochen, mäandert durch alle soziale Schichten, gibt politische Statements ab, schießt Giftpfeile in der Gegend rum und sucht letztlich doch seinen eigenen Seelenfrieden.
Philosophen, Kulturgeschichtler und Literaturwissenschaftler werden nicht an allen Passagen ihre helle Freude haben. Aber selbst wenn Holger Reichard mit seinen Verkürzungen nicht immer auf Gegenliebe stoßen wird, sollten sich die Hüter der rechten Lehre bei ihm bedanken. Denn er wird mit diesem Buch ganz bestimmt Leser erreichen, denen die Abenteuer des Odysseus oder die Helden Shakespeares sonst ziemlich egal sind. Mit anderen Worten, dieses Selbstfindungsbuch vermittelt sogar Bildung. Wirtschaftliche und politische Zusammenhänge müssen nicht immer bierernst und möglichst detailliert vorgetragen werden. Oft genügen einige Stichworte, die wir mit eigenen Lebenserfahrungen zusammenbringen können, um die wesentlichen Punkte zu begreifen.
Mein Fazit: Wer nicht erwartet, dass er als Leser den gleichen Erkenntnisgewinn wie der Autor macht, wird sich über diese 111 Gründe für Eigenliebe freuen. Und wer sich daran stört, dass der Autor im Sauseschritt durch alle Zeitepochen, Wissenschaften und gesellschaftliche Begebenheiten eilt, soll dem Konzept die Schuld geben und sich einfach an der Fabulierkunst des Autors ergötzen.