Von der hämischen Verunglimpfung des Kriegsgegners bis zur Verehrung der eigenen Helden, von Fräulein-Leutnant-Albernheiten bis zur stumpfen Bunker-Lethargie, von verharmlosender Kameradschafts-Fröhlichkeit bis zum bitteren Frontalltag, vom kraftmeierischen Zerstörungsstolz bis zur Anflehung himmlischer Instanzen reicht das Spektrum, das die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie der Historiker Flemming den Krieg bezeichnet, in Form grausig-kitschiger Propaganda-Ansichtskarten darstellt. "Je mehr Memoiren und Bücher man über die Ereignisse vor dem 1. August 1914 liest, desto mehr begreift man, dass kein Politiker zu jener Zeit diesen Krieg wirklich gewollt hat," schrieb der britische Premierminister David Lloyd George 1920. Keiner gewollt? Flemings Ansichtskartenbuch (die Originale stammen aus Ulf Heinrichs Archiv) überzeugt einen vom Gegenteil. Flemming schildert übrigens auch, wie der fürchterliche Krieg, den angeblich keiner wollte und den zu verhindern dennoch niemand anstrebte, zu Ende ging, mit Protesten in der Heimat wie etwa durch den Streik von 180.000 Munitionsarbeitern Ende Januar 1918 in der Reichshauptstadt, die nicht nur mehr Brot und Lohn (Hunger und Entbehrungen hatten in Deutschland ein bis dahin nie gekanntes Ausmaß erreicht), sondern vor allem endlich Frieden forderten - doch der Kaiserliche Feldmarschall Hindenburg und sein General Ludendorff ließen dennoch ihre Soldaten zu weiteren Offensiven und Materialschlachten antreten, die angesichts der alliierten Verstärkung im Westen nicht mehr zu gewinnen waren.
Ich halte Thomas Flemmings und Ulf Heinrichs Buch für einen sehr bemerkenswerten, schlimm-komischen Beitrag zur Dokumentierung der deutschen Geschichte 1914-1918 und würde mich mit den Autoren gern einmal unterhalten, begegnete ich ihnen gelegentlich!