Wie das Fleisch von den Knochen enfernt Pascal von seinen Gedankengängen jedweden Ballast, so dass diese bildlich gesprochen ausgebeint werden und am Ende deren Substanz in einer kaum gekannten Schärfe und Geschliffenheit dem Leser entgegen tritt. Selten oder kaum je sind mir so präzis formulierte und klare Gedanken zu Wesen, Verhalten und Eigenschaften des Menschen untergekommen. Was Montaigne für die Seele, ist Pascal für den Verstand. Dieser Band ist jedem dringend zu empfehlen, der über letzteren verfügt. Die ersten knapp 50 Seiten sind für jeden denkenden Menschen eine ultimative Lesefreude, ja ein schieres Glück. Zu verdanken haben wir die Befreiung des Bandes von religiösem Ballast und für das kundige Nachwort Wilhelm Weischedel, dem für die ungemein faszinierende Übertragung und die Sortierung der Gedanken wahrscheinlich fast das gleiche Verdienst zukommt wie dem Autor selber.
Leider geht der zu Beginn angesprochene Versuch Weischedels, sich auf den Menschen zu konzentrieren, in der zweiten Hällfte des Bandes daneben. Dort wirft Pascal quasi den analytischen Bettel hin und wechselt zur Prognose. Ein zwar verständlicher Irrtum, dem auch Karl Marx ungefähr zwei Jahrhunderte später unterlag, aber dennoch ein Irrtum, der den Wert des Buches mindert. Pascal folgert vom analysierten Elend des Menschen auf Gott und das Bedürfnis nach einer Religion, deren Daseins- und Ausgestaltungsgründe er uns im Verlaufe der folgenden Kapitel nahebringt. Am Ende wird es gar noch pathetisch.
Ich will damit nicht sagen, dass die Gedanken zu Religion und Gott per se abzulehnen oder nicht auch stellenweise brillant wären, aber allein die Tatsache, dass der analytische Pfad verlassen und mit der Sphäre persönlichen Glaubens vermengt wird, wirft einen deutlichen Schatten auf die Strahlkraft dieses Werkes. Wer diesen vermeiden will, sollte nach Kapitel 5 aufhören zu lesen.