Der Kontrast, zwischen der Star untypischen, demonstrativen Normalität die Herbert Grönemeyer verkörpert und der absoluten Materialschlacht im Bühnenbau und Visualisierung auf seinen Tourneen, wird von Tour zu Tour heftiger. Erstaunlich ist, daß gerade diese Ambivalenz nicht nur einfach funktioniert, sondern ganz wesentlich zum Charme von Grönemeyer Konzerten beiträgt.
Da steht eine Bühne vom Ausmaß einer Kleinstadt in einem riesigen Stadion und fährt mit einer Fülle an Effekten auf, die einen selbst ohne Ton völlig überfahren. Und auf dieser sauteuren Konstruktion schreitet niemand majestätisch die Stege ab und agiert mit bedeutungs-schwangeren Gesten, da gibt niemand dem Volk den Halbgott den es ehrfürchtig anbeten darf, sondern es latscht ein lässiger Mittfünfziger auf die Bühne, so als beträte er einen Supermarkt, allerdings mit einer übers ganze Gesicht ablesbaren diebischen Freunde eines Lausebengels, der zu Weihnachten genau das unterm Baum findet, worauf er seine Eltern monatelang hinmanipuliert hatte. Er hüpft und verrenkt sich seltsam (nennt das tanzen), macht sich vor zigtausend Menschen Sorgen um die Beständigkeit seiner Frisur, freut sich unverstellt des Lebens und ist trotz der gigantischen Dimensionen ganz nah bei jedem einzelnen in der Weite des Stadions. Dafür wird er von seinem Publikum vielleicht nicht angebetet, wie manch anderer Stadion-Akteur, aber geliebt.
Das mag reichlich pathetisch klingen, doch wenn man zum Vergleich eine U2 oder Madonna DVD einlegt, erlebt man natürlich auch Begeisterung im Publikum, aber es dominiert der Wow-Effekt. Hier ist es herzlicher und das ist selbst in der Konserve noch fühlbar.
Selbstverständlich ist Herbert Grönemeyer nicht der einzige Musiker, bei dem das Verhältnis zum Publikum mehr ist als eine Zeitgeist-Verbindung oder reine Helden-Verehrung, aber der Einklang der Gegensätzlichkeit zwischen technischer Opulenz und menschlicher Authentizität, fällt mir bei niemandem sonst so sehr auf.
Neben der atemberaubenden Bühne, ist die Kamera-Führung auf "Schiffsverkehr - Live in Leipzig" absolut eindrucksvoll und zoomt den Zuschauer gelassen durch das Stadion, in jeden Winkel der Bühne, ohne ständig mit hektischen Schnitten zu nerven oder hölzern abgehackte Bildfetzen unpassend aneinanderzureihen.
Die Setlist ist Grönemeyer typisch. Da kann man zurecht bemängeln, daß die ganz großen Überraschungen traditionell ausbleiben. Im Kern steht mit neun Liedern das neue Album - gut so, denn wenn ein Künstler auf Tour sein neues Album nur mit 2-3 Liedern abbildet, war ihm das Werk wohl selbst nicht allzu wichtig - und ansonsten gibt es große Grönemeyer-Songs satt (insgesamt 25 Titel!), aber da wäre etwas mehr Abwechslung von Tour zu Tour erfreulich.
Sicherlich wird es mit wachsendem Gesamtwerk immer schwieriger auszuwählen und natürlich gibt es die Must-plays wie "Männer", "Flugzeuge im Bauch", "Mensch" und "Halt mich", ohne die ein Konzert einfach nicht rund wäre.
Dennoch wären vier, fünf unerwartete Überraschungen im Tour-Programm das einzig noch Verbesserbare. Album-Songs etwa, die ewig nicht gespielt wurden oder auch gern mal Cover-Songs - oder ein Gedicht aufsagen, das wäre doch auch mal was. Als Grönemeyer zum ersten mal bei der "Mensch-Tour" als Zuzuzuzugabe "Der Mond ist aufgegenagen" von Matthias Claudius spielte, war das so eine Überraschung, etwas das über das zurecht zu erwartende "Neues Album + Greatest Hits - Programm" hinaus ging.
"Schiffsverkehr - Live in Leipzig" ist in Bild, Ton, Inhalt und Darbietung ein sensationelles Live-DVD-Album geworden. Meckern gilt nicht! Gäbe es "Stand der Dinge" (Programm der "Bleibt alles anders - Tour" + Orchester) nicht, wäre es wohl das bisher beste.