Zwischen amerikanischen Autoren der Gattung Kriminalroman und den europäischen Vertretern dieser Gattung kann man wohl -zumindest was die Stern-Reihe angeht - zwei gravierende Unterschiede feststellen:
1. Die Amerikaner sind einfach die besseren Erzähler und bieten den besseren Thrill. Man kann die Stories konsumieren wie einen Big Mac. Genießen und dann gleich vergessen. Europäische Geschichten sind in der Regel viel widerborstiger und zum Teil auch haften bleibender, was sowohl Vor- als auch Nachteil sein kann.
2. Die Anzahl der durch die Ermittler zu Tode kommenden Personen sind in amerikanischen Thrillern in der Regel höher als die Zahl der Opfer der Verbrecher in europäischen Kriminalepen.
Ex-Major der Militärpolizei Jack Reacher, der eher zufällig in einer unscheinbaren Kleinstadt landet und feststellen muss, dass dort kurz vorher sein Bruder ermordet wurde, der einem Wirtschaftsverbrechen von grotesker Dimension auf der Spur war, ist ein Held nach dem Geschmack derer, für die der Body Count eine wichtige Messgröße für literarische Qualität ist.
Reacher, eigentlich eine äußerst originelle Figur, bringt im Laufe der Ermittlungen mehr als ein Dutzend Verbrecher um (häufig mit Schüssen in den Rücken oder per Nahkampftechniken, an denen der Leser exquisit teilhat), darunter auch einige korrupte Polizisten, ohne dass das für ihn irgend welche Folgen hat.
Das macht den Roman leider ein ganzes Stück unglaubwürdig. Dabei gehört die bedrohliche Atmosphäre der ersten rund 180 Seiten zum beeindruckendsten, was ich in den letzten Jahren in einem Thriller gelesen habe.
Die Ankunft des Außenseiters Reacher in der Stadt, dessen Verhaftung durch korrupte Polizisten und Verbringung in eine Knastabteilung mit Lebenslänglichen statt in die Untersuchungshaft wirft einen geradezu beklemmendes Licht auf die Zustände in amerikanischen Haftanstalten, welche exzellent recherchiert scheinen.
Nach der Freilassung entwickelt sich Jack Reacher allerdings zu einer Mischung aus Sherlock Holmes und Superman, der nicht nur überragende Schlussfolgerungen zu ziehen vermag, sondern gefährliche Killer im Handstreich im Dutzend erledigt. Das könnte eine Hommage an die vorzügliche Ausbildung der amerikanischen Militärpolizei sein, wirkt aber in der Zusammenballung dann doch stark übertrieben.
Daneben schleichen sich eine ganze Reihe von Ungereimtheiten ein, die das Vergnügen am Lesen zwar nicht trüben, aber eben die Glaubwürdigkeit weiter schmälern.
Das ist schade, denn Charaktere und Story sind exzellent und die Geschichte vermag auf jeden Fall bis zum Ende zu fesseln, auch wenn sie längst vorher geklärt ist.