Schon als kleines Mädchen habe ich mich vor einem Bild mehr gefürchtet, als vor allen anderen: "Saturn, einen seiner Söhne verschlingend" von dem spanischen Maler Francisco Goya (1746-1828). Dass es sich um eine Darstellung der antiken Göttergestalt Saturn handelte, war mir als Kind nicht klar - mich erschreckte der weit aufgerissene Mund, in das er den Kindskadaver schiebt und die stechenden Augen ...
Dieses Buch hier aus der Reihe des Taschenverlags bietet uns nicht nur den "Saturn", sondern eine umfassende Reihe von Goyas Ölgemälden, Radierungen und Aquatinta. Darunter sind Jagdthemen, genauso wie religiöse Themen, Volksszenen, höfische Szenen, Porträts und seine sehr kritischen druckgrafischen Serien, z.B. die "Caprichos" ("Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer in der Nacht" - der schlafende Künstler bedroht von Traumgesichtern). In "Winter/ Der Schneesturm" von 1786-87 zeigt er, wie hart der Winter für die Bauern sein kann.
Der ab 1792 nach einer Erkrankung gehörlose Goya malt neue Werke in einem kleinen Format, die sich grundlegend von seiner Porträt-Malerei und seinen Auftragsarbeiten unterscheiden: er malt halbnackte Männer vor bedrohlich hohen Mauern ("Hof der Irren") oder "Hexer in der Luft" - seine Welt ist nicht mehr so heiter und hell, wie bisher. Er malt eigene Visionen und später auch die Schrecken des Krieges (der Guerillakrieg der Spanier gegen Napoleons Soldaten 1808-1814) und bannt den Ausbruch von Hass und Grausamkeit auf die Leinwand. Es gibt keine Sieger mehr. Goya schildert die Brutalität und Härte des Krieges: Massenhinrichtungen, Folter und Verstümmelungen.
Mit dem "Inquisitions-Gemälde" von 1812-1819 prangert Goya den Terror der Kirche an (leider ist es nur im Format 9,5 x 15cm abgedruckt und daher nicht besonders gut zu erkennen). Es zeigt eine Episode aus dem sogenannten "Auto da Fé", dem Akt des Glaubens, in dem die Angeklagten ihrem Irrglauben abschwören sollen. Bekennen sie nicht, werden sie dem Scheiterhaufen übergeben ... Mit dem Bild "Der Hund" wagt er wieder etwas Neues: er stellt Einsamkeit durch radikalen Verzicht von Objekten dar und im Vergleich zum "Saturn" von Peter Paul Rubens von 1636-1638 ist Goyas "Saturn" eine Ausgeburt des Schreckens.
Ich finde, das Buch bietet uns einen sehr guten Überblick über das Werk des Malers Goya im geschichtlichen Kontext. Die Bilder sind teilweise etwas klein und daher schwer zu erkennen, aber dennoch besteht ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Im Anhang auch hier eine chronologische Übersicht über Leben und Werk, die ich immer nützlich finde. Zum Einstieg ins Thema hervorragend geeignet.