Begegnung mit dem Terfel...
Vor einigen Tagen habe ich meinen ersten Faust" gesehen, und ich hatte das große Glück, eine Inszenierung zu erwischen, die in fast jeder Hinsicht herausragend ist. Hier also meine Eindrücek:
Die Handlung wurde in die Zeit um 1914 verlegt, also in die Zeit zu Beginn des ersten Weltkriegs, als Tod und Teufel reiche Ernte einfuhren, und als es, wie im Deutschland Goethes, einer Katastrophe gleichkommen konnte, wenn ein braves Bürgerstöchterlein unehelich schwanger wurde.
Nach der Ouvertüre befinden wir uns (ausgerechnet) in einer Kirche,
in der Faust seinen Lebensüberdruß besingt, sich von Gott abwendet weil der ihm die ersehnte Jugend nicht wiedergibt, und den Teufel um Hilfe anruft.
Es gehört schon eine gehörige Portion Mut und Frechheit dazu, heutzutage einen Opern-Mephisto wirklich und wahrhaftig mit Rauch, Feuer und Theaterdonner aus der Tiefe an die Oberfläche steigen zu lassen, und ihn noch dazu mit Federhut, Umhang, Degen und bleichem Gesicht auzustatten.
Das kann ganz schnell in die Parodie abgleiten und funktioniert nur, wenn man einen Teufel zu Verfügung hat, der die Szene mit der nötigen Ironie spielen kann.
Ich muß wohl nicht erwähnen, daß Terfel die Prüfüng glänzend besteht:
ein Teufel, der sich mit dem Taschentuch den Rauch aus dem gelangweilten Gesicht fächelt,
und es eigentlich jetzt schon satt hat, den immer gleichen Idioten die immer gleichen Wünsche zu erfüllen:
Ruhm, Geld, Macht oder, wie in diesem Fall, Jugend und Frauen.
Einer der wenigen Momente, in denen so etwas wie Humor aufblitzt, denn hier ist Terfel böse.
Nicht Don-Giovanni-böse, nicht Scarpia-böse, sondern wirklich RICHTIG böse.
So abgrundtief böse, daß ein bestimmter Regieeinfall im Walpurgisnacht-Bild,
der ganz fürchterlich hätte schief gehen und lächerlich wirken können, überhaupt erst möglich war. Ich verrate ihn hier nicht, aber was bei JEDEM anderen
Kollegen albern gewesen wäre, wirkt bei ihm erschreckend und kein einziger im Publikum hat sich getraut zu lachen.
Ich glaube, wir hatten alle Angst, daß wir geradewegs zu Hölle fahren, wenn wir auch nur grinsen.
Selbst Jahre später vor dem Fernseher...
Bryn Terfel ist ein Operngott, und er steckt alle Kollegen die jünger, schlanker und schöner sind als er
spielend in die Tasche. Der Satz "Tausend Künste kennt der Teufel, aber singen kann er nicht..."
trifft hier nicht zu. Dieser Teufel kann. Und wie.
Wo war ich?
Ja: Idioten die sich idiotische Dinge wünschen. Roberto Alagna verkörpert ihn perfekt.
Ich bin kein großer Fan von ihm, selbst in seinen besten Zeiten habe ich seine Stimme nie übermäßig gemocht, da mir sein Timbre einfach nicht gefällt, und die besten Zeiten liegen ja nun leider
auch schon eine Weile zurück. Aber hier schlägt er sich mehr als achtbar.
Er singt und spielt wirklich gut, auch wenn ich "Salut demeure..." schon sehnsuchtsvoller und musikalischer gehört habe, und er mir manchmal ein bißchen zu deutlich zeigt wie toll es mit den Spitzentönen gerade funktioniert, aber sei's drum.
Dieser Faust glaubt fast bis zum Schluß wirklich und wahrhaftig, daß Mephisto in seinen Diensten steht, während er (wie alle anderen) schon längst dessen Marionette ist. Ein kleines Kabinettstückchen vollbringt er, als er sich auf offener Bühne vom alten Faust in den jungen verwandelt,
und unmittelbar danach ein Rad schlägt. Dagegen sind Rolandos Villazóns Nemorino-Äpfel gar nix...
Also: dafür daß ich ihn nicht wirklich mag, hat er mir richtig gut gefallen!
Wirklich hingerissen bin ich dagegen von Angela Gheorghiu als Marguerite (Gretchen).
Optisch wirkt sie, vor allem in den strengen Kostümen der vorletzten Jahrhundertwende,
schon ein bißchen zu alt für die Rolle, singt und spielt aber darüber hinweg.
Im späteren Verlauf, mit offenem ( dann geschorenem) Haar und dem Wahnsinn nahe
wirkt sie auch optisch sehr jung und verletzlich.
Sie und Terfel haben einen besonders starken Moment in der Szene
in der Gretchen in der Kirche beten will und Mephisto als ihr Versucher auftritt,
sie in den Wahnsinn treiben will und verflucht.
Sein donnernder Bass-Bariton, ihr Sopran dazu der optische Gegensatz zwischen dem
riesenhaften Hünen und der zierlichen Sängerin: das war schon ganz, ganz großes Theater,
und hätte ich es nicht besser gewußt, hätte ich vermutet, daß hier mit Filmtricks gearbeitet wurde.
Glücklich der Regisseur, der solche Künstler zur Verfügung hat.
Mit Simon Keenlyside war ein wahrer Luxus-Valentin am Werk:
ein etwas spröder Soldat, dem die Ehreseiner Schwester
(was immer dieser viel mißbrauchte Begriff auch bedeuten mag) über alles geht,
der sie erbarmungs- und lieblos verflucht, und der dabei so unglaublich gut singt,
daß es mir völlig gleichgültig ist, ob er den französischen Stil trifft.
Als Soldat,der ohne Illusionen in den Krieg zieht, und noch desillusionierter aus selbigem zurückkehrt hat er mir sehr, sehr gut gefallen.
Er und seine Kameraden ziehen in den ersten Weltkrieg, und wenn man sie in ihren Uniformen sieht, kommt man nicht umhin, an die Hölle von Ypern zu denken, der sie anheim fallen werden...
Der einzige Mann in dieser Oper der zu wahrer Liebe fähig ist (denn über Mephistos Liebesfähigkeit müssen wir uns wohl nicht unterhalten, und was Faust für Liebe hält ...nun ja...) ist Siebel, der junge Anbeter Gretchens.
Es singt Sophie Koch, die ich bisher nur in Hosenrollen erlebt habe (Octavian) und die mir wieder sehr gefallen hat. Hier hat Siebel ein steifes Bein und hinkt, was erklärt. warum er nicht in den Krieg zieht.
Die Inszenierung kommt im Großen und Ganzen traditionell daher wenn man mal davon absieht,
daß die Handlung in eine andere Zeit versetzt wurde, ist aber m.E. alles andere als langweilig,
auch wenn es für mich ein paar Ungereimtheiten gibt: so tanzt man den Faust-Walzer in einem Cabaret mit dem sinnigen Namen "Cabaret L'Enfer" in dem es wüst zugeht und bei dem man sich fragt, was die brave Margarete dort verloren hat..
Sehr passend dagegen Margaretes Schicksal in einer Zeit in der ein einziger Fehltritt, oder was man dafür hielt, ausreichte, einer jungen Frau das Leben zu zerstören.
Das Ballett in der Walpurgisnacht erleben wir als zunächst amüsante, dann immer grausamere Parodie auf das romantische ballet blanc im allgemeinen und "Giselle" im Besonderen: in seinen Morphium-Fantasien durchlebt Faust noch einmal die jüngsten Ereignisse: die schwangere, verzweifelte Margarete die er verlassen hat, den scheinbar von den Toten zurückgekehrten Valentin den er getötet hat.
Ich werde den Endruck nicht los, daß es auch den Tänzerinnen des Corps de ballet Freude gemacht hat, die Spitzenschuhe in die Ecke pfeffern und in ihren schönen "Giselle"-Kostümen mal so richtig fies sein zu dürfen...
Am Ende, wir wissen es, siegt der Himmel: "Gerichtet!" "Gerettet!",
Faust bleibt verzweifelt (und erneut gealtert) zurück, Mephisto fährt, ein bißchen frustiert wie es scheint, zurück in die Hölle.
Bis der nächste Idiot kommt und sich was wünscht...