In dem klugen Dialog mit Pinchas Lapide formuliert Frankl, der Mensch werde, er selbst, er verwirklicht sich selbst, er ist ganz Mensch, genau in dem Maße, in dem er nicht sich selbst oder gar seine Selbstverwirklichung anpeilt, nicht sein Glück..... sondern hingegeben ist an etwas anderes." Frankls Erweiterung der Psychotherapie, hin zur Transzendenz entspringt jüdischem, biblischem Denken. Sie will den Menschen befreien von der Ich-Zentriertheit, die seine Welt so prägt und so unwirtlich und gottfern macht.
Diese Gedankenführung ist gewissermaßen biblisch vorgedacht und therapeutisch nachempfunden. Man denke an Jesu etwa, der sagte: Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden." Lapide verweist in seinem Gespräch mit Frankl ausdrücklich auf diesen neutestamentlichen Bezug. Kein Wert, der einem Menschen wichtig wird, sei es die Mutterschaft, ein Gebot, die Liebe, dürfe vergötzt werden, lehrt Frankl. Erst im erweiterten Blick in die Transzendenz erfüllen sich auch diese Werte. Sonst nicht.
Frankl erläutert mit Saint-Exupery, der gesagt hatte: Liebe heißt nicht einander in die Augen zu gaffen, sondern gemeinsam in eine Richtung blicken" - diesen Zusammenhang so: Die wirklich Liebenden blicken parallel ins Unendliche, sie beten gemeinsam. Liebe ist ein gemeinsames Gebet, ein Gebet zu zweit."
Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist das Gewissen, das Organ" zur Sinnfindung. So gesehen ist der nicht-religiöse Mensch, der ja ebenso ein Gewissen hat und Verantwortung trägt, ein Mensch, der diese Transzendenz des Gewissens verkennt. Er versäumt die Frage nach dem Wovor" der Verantwortung und dem Woher" des Gewissens. Er hält das Gewissen für die Letztheit, vor der er sich Verantworten muss, und verkennt, dass es nur eine Vorletztheit ist. Gott ist die Leztztheit, auf die alles zuläuft.
Pinchas Lapide würdigt die Art und Weise, wie Fankl die KZ-Erfahrung verarbeitet hat. Er bringt sie in einen bemerkenswerten Zusammenhang mit der Frage nach Gott. Wenn Sie, der Sie wie die Bibel sagt, den Kelch des Leides bis zur Neige trinken mussten und im Stande waren, das hasslos mit Liebe für die Menschheit zu überleben, so sind sie ein lebendiger Gottesbeweis auf zwei Beinen..., dann haben Dorothee Sölle und die so genannten Gott-ist-tot-Theologen Unrecht." Das würde bedeuten, dass Konzentrationslager und ihre Gräuel eine Chance sind, Gott zu sehen und nicht seinen Existenz zu leugnen, was ja auch Sinn macht, weil nur ein existenter Gott einem irgendwie durch- und heraushelfen kann.
Frankl sieht in der Sinnkrise der vielen einzelnen Menschen auch ein gesellschaftliches Symptom. In das existentielle Vakuum, das da entsteht, wo menschliche Existenz keinen Sinn findet und keine Wert verwirklicht, strömt anderes: Frustration, Verzweiflung, Hass, Gewalt. Besorgt fragt Frankl: Wird Geistesarmut die Armut des 21. Jahrhunderts?" Diese Frage treibt auch Christen um. Ich befürchte, dass ich nicht der Einzige bin, der sie bejaht.
Ein sehr lesenswertes und unterhaltsames Buch.