Schon länger versucht Jörg Zink in seinen Büchern den Protestantismus für die religiöse Erfahrung zu öffnen. In seinem neuen Buch tut er dies mit sage und schreibe über 160 Zitaten verschiedenster religiöser Stimmen aus aller Welt. Obwohl es sich hierbei um Perlen der Geistesgeschichte handelt, sind sie in dieser Anhäufung vielleicht zu viel des Guten.
Zink geht es nicht um religiöse Nabelschau. Darum erinnert er an das radikale Umdenken der Christen im 20. Jahrhundert: Es ging um gewaltlose Wege zum Frieden, um globale Gerechtigkeit und um den Schutz der Biosphäre vor der menschlichen Zivilisation". Er registriert bitter, dass dieses Umdenken zu wenig konkrete Wirkungen zeitigt, weil die bisherige kirchliche Praxis ihr keine Glaubwürdigkeit verleiht. Nun sieht er ein viertes großes Thema, das zum Umdenken zwingt: Die Allianz der Religionen. Damit geht er weit über den bloßen Dialog hinaus, der nicht nur Kirchenleitenden noch immer schwer fällt. Er will auch mehr als karitative oder diakonische Zusammenarbeit, was vielfach an der Basis bereits geschieht. Es geht ihm um gemeinsame religiöse Erfahrungen, die ein für alle Mal die unheilvolle und gewalttätige Konkurrenz der religiösen Systeme überwindet. Darum nimmt er religiöse Erfahrungen seit der Steinzeit ernst. Er sieht sie nicht nur in den alten mythischen Erzählungen, sondern auch in gegenwärtigen weltweit kommunizierten Erfahrungen, die man früher allenfalls Ethnologen überlassen hatte. Im Dialog mit Grenzerfahrungen der Naturwissenschaft wird auch die Lektüre der Bibel wieder aktuell. Sie ist ja nicht nur eine mehr oder weniger historische Sammlung von Geschichten, sondern in seiner schönen Formulierung eine Lichterkette weitergesagter Gotteserfahrungen". So kommt selbst das Alte Testament wieder zu Ehren. Zink muss die Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern bringt die hinter den Worten liegende Erfahrung zu sprechen. In diesem Sinn kann er auch die Auslegungsgeschichte der Bibel aufwerten: Die Reformation wollte auf die Heilige Schrift allein gründen, nicht auf die Tradition der Kirche. Inzwischen kann man wissen, dass das gar nicht geht. Die Heilige Schrift ist selbst das Dokument einer starken und lebendigen Tradition. Und sie kommt zu uns nie direkt, sondern immer über ihre eigene Wirkungsgeschichte in zweitausend Jahren." (S. 83)
In einem zweiten Teil analysiert Zink Urerfahrungen des Menschenlebens". Er setzt sich auseinander mit der Einsamkeit des Seins und der Sinnlehre, mit Erfahrungen des Liebens und Geliebtwerdens, mit dem Schock des Todes und der Erfahrung des Nichts. Er überdenkt das Wesen des Heiligen, die Suche nach Wegen und Zeiten, weicht auch nicht aus vor der Übermacht des Elends, des Verfehlten und des Bösen. All dies will im Mitleiden aufgefangen sein". (S. 145)
In seinem dritten Teil beschäftigt er sich mit allerlei Erfahrungen zwischen Innenschau und Ekstase". Von der protestantischen Theologie vernachlässigte Bereiche wie Träume, Trance, Vorauswissen, Fernwissen, Vision und Ekstasen werden von ihm positiv und sensibel angenommen. Wann hat man schon in jüngster Zeit bei einem evangelischen Theologen etwas über die Emanuel Swedenborg oder Theresa von Avila gelesen? Immer wieder scheut Zink sich nicht, stärker noch als früher ganz persönliche Erfahrungen einzubringen.
In einem vierten Teil fragt er Wie Gott in unsere Nähe kommt und wir ihn als gegenwärtig erfahren". Die von vielen Christen als schwierig empfundene Lehre von der Dreieinigkeit ist bei ihm nicht länger eine Lehre über Gott, sondern über die Weise, wie wir Menschen ihn zu erfahren bekommen." Sie beschreibt Gott wie einen Strom in drei Armen". Das Schlüsselwort für das Ankommen Gottes aber ist der Heilige Geist", die bewegende Kraft, mit der Gott aus seiner Verborgenheit zu uns Menschen kommt. Zu den vielen Zitaten kommen nun noch etliche aus der Bibel hinzu. Dabei ist ihm klar, dass auch diese Sätze Deutungen einer Erfahrung von Wahrheit sind". (S. 305 )Sie können deswegen niemals absolut gesetzt werden.
In einem fünften Teil macht Zink ganz praktische Vorschläge wie wir fähig werden können, aus Erfahrung zu leben". Man spürt dem Verfasser ab, dass er kein Theoretiker bleibt. Er beginnt sein Tagwerk seit über fünfzig Jahren morgens um vier Uhr mit einer halben Stunde Meditation. Danach kann er drei oder vier Stunden ungestört seine Arbeit tun: Lesen, schreiben, nachdenken. Nicht jeder wird eine solche Disziplin aufbringen, aber vielleicht eine andere gute Lösung für sich finden. Auch hier ist Zink nicht dogmatisch oder moralistisch.
Die immer wieder anklingende Auseinandersetzung mit seinen theologischen Lehrern, die jegliche Mystik verdammten, mag Jüngeren überholt erscheinen. Wichtiger ist heute vielleicht, dass er die religiöse Erfahrung nicht den Esoterikern überlassen möchte. Denn diese letzte Gotteserfahrung ist die, dass uns im Zuge unserer Meditation zuwächst, was das Evangelium zeigt: Befreiung, Entlastung, Heilung, Ermutigung, Befähigung." (S. 350) Nicht zufällig überlässt er einer einfachen Bäuerin aus der Bretagne das letzte Wort: All mein Gut ist Gott allein. Wie er in mir ruht, so ruhe ich in ihm". (S. 352)