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Gottesnähe und Schadenzauber
Fritz Graf untersucht die antike Magie
Unter den Idyllen Theokrits, diesen Inkunabeln europäischer Pastoraldichtung, findet sich eine, in der von Simaitha erzählt wird, einer jungen Kleinbürgerin, die mit Hilfe einer Sklavin ihren untreuen Geliebten zur Rückkehr zwingen will: im Mondlicht, unter Einsatz von Beschwörungen der Hekate und mit geheimnisvollen Hantierungen. Man hat lange Zeit darin einen Schlüsseltext zur antiken Magie erkennen wollen, ohne der Ironie, aber auch der Unkenntnis gewahr zu werden, mit der die litterati des hellenistischen Alexandria zu ihrem Amüsement gewisse Praktiken gestalteten, die sie für spezifisch weiblich und volkstümlich hielten. Ihnen folgt man, freilich mit mehr Befremden, auch heute noch.
Das Unberechenbare kontrollieren
In Distanz zu dieser einst gelehrten und heute populären Tradition hat Fritz Graf, Basler Ordinarius für Lateinische Philologie und Religionen des antiken Mittelmeerraums, eine Monographie verfasst, die Magie in eine neue Perspektive stellt. Denn sie erscheint nun und durchaus nicht nur in der Antike als «die kontinuierliche Anstrengung des menschlichen Willens, das Unberechenbare handelnd zu kontrollieren, notfalls auch jenseits des gesellschaftlich Gestatteten». So die am Ende gegebene Minimaldefinition dessen, was unter diversen Formen von Schadens- und Abwehrzauber, von Divination und Nekromantie, von Verleumdungsriten und eidähnlichen Verfluchungen in literarischen Texten und durch archäologische Grabungen bekannt geworden ist.
Mit dieser Systematik und Phänomenologie einer «ägyptischen» oder «persischen Kunst», die als Praxis von Fremden und von Feinden galt besonders bei den Griechen, die sie doch selbst in grossem Masse ausübten , hat Graf an die grossen Leistungen der altertumswissenschaftlichen Forschung vor dem Zweiten Weltkrieg angeknüpft. Er leistet eine übersichtliche Zusammenstellung des verstreuten Materials, das er kommentiert und an ausgewählten Beispielen analysiert. Ein Kapitel ist etwa den zahlreichen Fällen antiken Schadenzaubers gewidmet.
Dabei handelt es sich um sogenannte Defixionen, «Bindungen» eines fremden Willens «in die Tiefe» (tatsächlich aber an die eigene Verfügungsmacht), um auf Bleiplättchen geschriebene Befehle und Drohungen. Zu ihrer Weiterleitung an die Unterirdischen bedurften sie eines Mittlers, als der sich ein zu früh Verstorbener oder ein gewaltsam ums Leben Gekommener am besten eignete, weshalb die Plättchen zumeist in Gräbern dieser ahoroi, «Unzeitigen», deponiert wurden. Sie waren Ausdruck des Bestrebens, in der Liebe, im Wettkampf, im Prozess zu siegen, zuweilen auch im Geschäftsleben oder bei der Verteidigung des eigenen Rufes erfolgreich zu sein, kurz, sich in all den Bereichen als überlegen zu erweisen, in denen eine «agonistische» Gesellschaft wie die der Antike aus dem Gleichgewicht zu bringen war. Auch die Zauberpapyri des kaiserzeitlichen Ägypten informierten über diese Praktiken.
Im Liebeszauber bediente man sich zuweilen auch Voodoo-ähnlicher Puppen, die verstümmelt, gefesselt, mit Nadeln durchbohrt wurden. Jenes in effigie angetane Leid deutet Graf nun nicht als Aggression gegen die geliebte Frau in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle sind Frauen die Objekte dieser Praktiken, und Männer führen sie aus , sondern als symbolischen Ausdruck erotischer Hörigkeit und sexueller Sensationen. Dabei wird mittels der Nadeln eine Anatomie der Lust markiert und weibliches Begehren als wirkmächtig anerkannt ein Umstand, der in den antiken, von Frauenangst beherrschten Gesellschaften einzigartig dasteht. Erotische Magie zeigt sich in dieser Sichtweise als der Versuch, die Folgen «einer verzweifelten Liebe zu einer unerreichbaren Person» zu verarbeiten, indem sie als Folgen eines Normenverstosses dargestellt werden, und doch die Liebe selbst als befriedigte zu imaginieren. Jene Erotiker erweisen sich als «Wanderer in der Nacht», wie Heraklit die Magier insgesamt nannte.
Sie, die in carmina magica und veneficia Kundigen, alle jene also, die «gegen einen Menschen mit geheimen, unsichtbaren Mitteln vorgehen», mussten sich bei der Durchführung ihrer Praktiken und nicht nur im Liebeszauber magischer Gehilfen, parhedroi, bedienen, zu denen neben den erwähnten lebenden Toten ein Heer von Dämonen zählte. Als lebenslange Assistenten ermöglichten sie die «Gemeinschaft am Göttlichen», und als ihre späten, gleichwohl nützlichen Verwandten gelten noch die christlichen Heiligen. Diese «Sprechgemeinschaft» mit den Göttern zeigt nun den anderen Aspekt antiker Magie. Sie machte sie bis in die Spätzeit auch für Intellektuelle erstrebenswert, weil in ihr ein privilegierter Zugang zum Göttlichen gesehen werden konnte.
Im Zeichen der Ambivalenz
Dass auch dies zumeist im Zeichen der Ambivalenz geschah, zeigt Graf im gelungensten Teil seines Buches, dort, wo er sich nicht nur als Analytiker, sondern auch als glänzender Erzähler erweist. Er berichtet den Fall einer Provinzkabale, in deren Mittelpunkt der Neuplatoniker Apuleius stand, der heute als Verfasser des «Goldenen Esels» am besten bekannt ist und sich einst einer Anklage als Zauberer gegenübersah. In seiner Apologie, einer Meisterleistung der Zweiten Sophistik, teilt er auch seine Ansichten über die Magie mit. Neben einer more vulgari geübten und abzulehnenden Kunst wie etwa den Defixionen kennt er noch eine zweite, die aus übergrossem und «unüblichem Interesse an Religiösem» praktiziert wird. Dies erscheint ihm als attraktiv, weil ins Gewand der Philosophie gekleidet.
Am Beispiel des Apuleius wird deutlich, dass Magie stets Sache einer Definition, einer Zuweisung, einer gesellschaftlichen Vereinbarung ist. Zugleich erkennt man, was sie eigentlich ausmacht. Sie wird als befremdliche Praxis marginalen Gestalten zugewiesen, und andere Randfiguren bemühen sich, sich wiederum von ihr abzugrenzen. In der Antike zählen zu diesen, den Konkurrenten der Seher und Heiler, die Philosophen und Mediziner, die nicht rationaler als jene, sondern einer anderen Kosmologie verpflichtet waren. Deren Einschätzung der Magie wird von Graf über ihren eigenen projektiven Anteil aufgeklärt, eine Leistung, die Begriffsbestimmungen und wissenschaftliche Erklärungsmodelle auch in der heutigen Gesellschaft in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Martin Treml
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