Ihren Artikel jetzt
eintauschen und
EUR 2,65 Gutschein erhalten.
Möchten Sie verkaufen?
Zur Rückseite klappen Zur Vorderseite klappen
Anhören Wird wiedergegeben... Angehalten   Sie hören eine Probe der Audible-Audioausgabe.
Weitere Informationen
Dieses Bild anzeigen

Gottesdienste mit alten Menschen (Gottesdienstpraxis Serie B) Gebundene Ausgabe – 21. Juli 2009


Alle 2 Formate und Ausgaben anzeigen Andere Formate und Ausgaben ausblenden
Amazon-Preis Neu ab Gebraucht ab
Gebundene Ausgabe, 21. Juli 2009
EUR 12,00
2 gebraucht ab EUR 12,00
Jeder kann Kindle Bücher lesen — selbst ohne ein Kindle-Gerät — mit der KOSTENFREIEN Kindle App für Smartphones, Tablets und Computer.


Produktinformation


Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Christian Schwarz, geb. 1964, Dr. theol., Gemeindepfarrer in Wiesloch bei Heidelberg und Vorsitzender der Liturgischen Kommission Baden; Herausgeber von Gottesdienst Praxis Serie B. Engagement u.a. für neue Gottesdienstformen.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Süßlich-beißender Geruch nach Urin und Alter schlug ihm mit der trockenen Heizungsluft entgegen und hieß ihn willkommen, noch ehe er die Tür zur Eingangshalle richtig geöffnet hatte. Er betrat das Pflegeheim stets mit zwei stummen Gebeten: Gott sei Dank arbeiten die Geruchssinneszellen phasischonisch! Und: Mein Gott, lass mich nie alt werden!
Einmal im Monat brachte Pfarrer Bernhard Schäfer das Abendmahl ins Pflegeheim, und jedes Mal musste er sich überwinden. Er wusste, es war nicht in Ordnung. Lange Zeit hatte ihn deshalb ein schlechtes Gewissen gequält, aber er kam gegen den Widerwillen nicht an. Irgendwann gab er es schließlich auf, sich schuldig zu fühlen. Letzten Endes war es egal, mit welcher Motivation er hinging. Hauptsache, er ging, das zählte.

Im Foyer kauerte ein Alter mit stumpfen Augen in einem Sessel - er wandte noch nicht einmal den Kopf, als Schäfer ihn grüßte. Im Speisesaal waren bereits 3000 Jahre versammelt. So viel Zeit, hatte Schäfer einmal nachgerechnet, kam etwa zusammen, wenn man das Lebensalter der Anwesenden zusammenzählte. Es variierte natürlich ständig, schon allein deshalb, weil jedes Mal jemand gestorben war und sofort jemand Neues den Platz eingenommen hatte. Das Haus konnte sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen: soviel er wusste, existierte eine längere Warteliste.

Die Alten saßen auf Tischgruppen verteilt, etliche von ihnen im Rollstuhl. Die Tische waren mit Plastiktischdecken überzogen, darauf verteilt Schnabeltassen, durch die eine dunkle Flüssigkeit hindurchschien. Den Sabberflecken auf Kleidern und Hemden nach zu urteilen mussten sie mit rotem Tee gefüllt sein. Die Alten saßen brabbelnd, murmelnd, manche im Bass grummelnd, einige spulten im Diskant nervtötende Litaneien ab - babylonisches Stimmengewirr der Gebrechlichen, Dementen, Siechen. Sie würden auch beim Gottesdienst keine Ruhe geben. Bernhard Schäfer musste jedes Mal alle Sinne zusammennehmen, um nicht aus dem Konzept zu kommen. Ganz zu schweigen vom Tempo. Das Vaterunser gemeinsam mit all diesen Sprachindividualisten zu beten - ein Ding der Unmöglichkeit!
Schäfer zog in der Wäschekammer seinen Talar an und betrat den Raum, als zwei Pfleger gerade die letzten Gottesdienstbesucher hereinschoben. Wenn er die Füße hob, quietschten seine Schuhe. Der Boden klebte - wovon, wollte er gar nicht erst wissen. Eine Reihe von Augenpaaren richtete sich auf ihn. Sie kannten den schwarzen Kittel, wussten, dass jetzt der Pfarrer kam, und bei manchen konnte er noch die seltsame Veränderung in Mimik und Tonfall beobachten, wenn sie den Vertreter der Geistlichkeit ansprachen. "Ach, guten Tag, Herr Pfarrer!", jovial, freundlich, aber nicht zu intim, nett eben und dennoch unverbindlich. Ein paar grüßten mit einer fast schon eleganten Handbewegung, andere starrten teilnahmslos vor sich hin: sie waren schon längst in einer anderen Welt angekommen, zu der Bernhard Schäfer keinen Zutritt hatte.
Soweit er sehen konnte, waren alle da. Das heißt die, die sich ihm aufgrund eines bestimmten Details besonders eingeprägt hatten. Die Frau, der wegen Diabetes beide Beine abgenommen worden waren. Die über 90-Jährige, die immer im geblümten Sonntagskleid dasaß, als ob sie auf ihren Liebsten wartete. Der glatzköpfige Alte, der jede Minute mindestens dreimal "Berta" rief, und niemand konnte es seinem Hirn noch eintrichtern, dass seine Frau schon fünf Jahre tot war. Der Kropf-Mann - Schäfer rätselte immer, wie er seinen Kopf noch aufrecht halten konnte mit diesem Kloß am Hals. Die Alte mit dem Mützenverband, über dessen Ursache er auch nach fünf Jahren noch nichts wusste. So wie er auch ihre Namen nicht wusste. Im Religionsunterricht fiel es ihm leicht, die Namen zu behalten. Da sah er die Kinder zweimal wöchentlich, und es waren immer dieselben. Die Alten hier sah er einmal im Monat, und jedes Mal waren wieder andere da. Aber es war eine Ausrede. Mit etwas gutem Willen wäre es gegangen. Nein, ihm fehlte schlicht und ergreifend die Motivation. Es erschien ihm irgendwie sinnlos, sich den Namen eines Menschen einzuprägen, der beim nächsten Mal schon nicht mehr da sein konnte.

Er stimmte das erste Lied an. Die Auswahlmöglichkeiten waren beschränkt, es musste etwas Bekanntes sein, das durch Übung von Jugend an zuverlässig auf der Festplatte gespeichert war, die man früher
Gehirn genannt hatte. Inbrünstiger Gesang erhob sich. Was drin war, war drin. Schäfer beeilte sich, rechtzeitig den Text vom Gesangbuch abzulesen. An dieser Stelle würden ihm einige hier durchaus noch etwas vormachen. Die kurze Ansprache, die er ohne Manuskript hielt, gelang einigermaßen, der Platz der kleinen Weißhaarigen, die ihn ständig mit teils wirren, teils merkwürdig vernünftigen Zwischenrufen konfus machte, war heute leer. Schäfer bemühte sich, den einen oder anderen seiner Meinung nach bekannten Bibelvers einzuflechten - er hätte gern gewusst, was wirklich ankam. Aber vermutlich war es auch nicht viel weniger als bei seinen Predigten in der Kirche. Im Laufe der Jahre hatte er sich alle übertriebenen Erwartungen hinsichtlich der unmittelbaren Wirkung seiner Predigten abgewöhnt. Eine einzelne Predigt veränderte gar nichts, davon war er überzeugt. Ob viele Predigten dagegen etwas veränderten, das vermochte er auch nicht so genau zu sagen. Wenn er sah, wie die Menschen lebten, die jahrein, jahraus unter seiner Kanzel saßen, waren Zweifel mehr als berechtigt (er nahm sich da selbst nicht aus). Auf der anderen Seite: Wie würden sie erst leben, wenn sie seine Predigten nicht hätten? Spätestens an diesem Punkt gab Schäfer das Nachdenken auf: man betrat da ein Terrain, wo man nur noch Vermutungen anstellen konnte, aber nie zu sicheren Antworten gelangte. Es war nun einmal seine Aufgabe zu predigen, also predigte er.

Er griff nach der Schale mit dem Abendmahlsbrot. Die Mesnerin hatte es sorgfältig in verzehrfertige Quader geschnitten. Sie muss sie noch kleiner schneiden, dachte Schäfer, für manche ist selbst das schon zu viel. Im selben Augenblick verwarf er den Gedanken wieder, als ihm einfiel, dass er den zahnlosen Mündern mit seinen Fingern dann noch näher kommen würde. Doch diesmal war zum Glück eine Pflegerin zum Gottesdienst abgestellt. Sie nahm die Schale aus seiner Hand und begann den Alten das Brot auszuteilen. Schäfer musste eine ganze Weile warten, ehe er mit dem Kelch nachrückte, sonst waren Erstickungsanfälle vorprogrammiert.

In diesem Buch (Mehr dazu)
Ausgewählte Seiten ansehen
Buchdeckel | Copyright | Inhaltsverzeichnis | Auszug
Hier reinlesen und suchen:

Kundenrezensionen

Noch keine Kundenrezensionen vorhanden.
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
1 Sterne