Hat ein Fötus eine Seele? Nun, wer John Irving kennt, der weiß, daß er hier keine wissenschaftliche Abhandlung zu erwarten hat. Auch keine philosophische Betrachtung des Themas. Denn John Irving ist ein Geschichtenerzähler. Und er ist nicht nur irgendein Geschichtenerzähler, sondern er ist einer der besten. Und Irvings Geschichten sind nicht gerade kurz. Bei 765 Seiten kann man erwarten, eine umfangreiche Geschichte lesen zu können und eine detaillierte Geschichte. Schließlich spielt das Buch in einem Zeitraum von 30 Jahren.
John Irving wird mit diesem Roman sämtlichen Erwartungen gerecht. Er hat ein grandioses Werk abgeliefert, das von vorne bis hinten hervorragende Unterhaltung liefert. Mit seiner klaren und unverblümten Art, Sachverhalte auszudrücken, wobei es mitunter auch mal recht deftig zugeht, würzt er seine Geschichte mit viel Humor und Ironie, selbst traurige Stellen liest man gelegentlich noch mit einem Grinsen.
Irving erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Waisenjungen und seine Entwicklung zum Erwachsenen, gleichzeitig aber auch die Geschichte eines Waisenhauses und seines Leiters. Wie immer packt der Autor soviel in sein Buch, daß es schwerfällt, eine Inhaltsangabe zu geben, die dem Roman gerecht werden kann. Vielleicht enthält auch deshalb der Klappentext keine solche, sondern nur Kritiken.
Der Leser erkennt zwar eindeutig, welche Meinung der Autor zum Thema Abtreibung selber vertritt, doch drängt er dem Leser diese Meinung nicht auf. Ohne belehrend wirken zu wollen, zeigt er das Für und Wider sehr sachlich auf. Das Thema Abtreibung ist jedoch nicht das einzige Thema des Buches. Genauso wichtig in diesem Roman ist die Beziehung des Waisenhausarztes zu seinen Heimkindern und insbesondere zu einem der Kinder, nämlich zu Homer, für den er quasi die Vaterrolle einnimmt, ohne ihm dies jedoch mit übermäßiger Liebe, die zweifellos vorhanden war, zeigen zu wollen.
Irvings Figuren sind selten ganz gewöhnliche Menschen, aber sie sind fast durchweg sympathisch und liebenswert. Durch ihre überaus detaillierte Darstellung wirken die Charaktere sehr lebendig. Man kann sich zu jedem, auch zu den Nebendarstellern, ein genaues Bild machen.
Oft kritisiere ich es, wenn der deutsche Verlag den Buchtitel nicht übersetzt, sondern ihm einen neuen Titel verleiht. In diesem Falle sind beide Titel sehr gut gewählt und zutreffend. Der Originaltitel "The Cider House Rules" bezieht sich konkret auf die ausgehängten Regeln im Ziderhaus, dort, wo der Apfelwein gepresst wird. Im übertragenen Sinn bezieht er sich jedoch auf Regeln allgemein, auf Regeln, die wichtig sind, auf Regeln, die in der Gesellschaft einfach vorhanden sind, auf Regeln, die man sich selber macht, die man halten sollte, aber gelegentlich auch mal brechen muß.
"Gottes Werk und Teufels Beitrag" ist für mich von den Büchern Irvings, die ich bisher gelesen habe, das Beste. Besser noch als Garp. Irving hat hier völlig auf seine abstrusen Elemente verzichtet, die doch einige seiner anderen Romane mehr oder weniger dominieren. Man kann zwar nicht von einer 100 %-ig realistischen Begebenheit sprechen, doch erwartet man dies ja auch bei Irving kaum. Dabei hat der Autor das seltene Talent, in seinen Romanen die absurdesten Figuren zu erschaffen und doch mehr Realität in das Geschehen hineinzupacken als dies manch anderem gelingt, der es beabsichtigt. Mit Sicherheit handelt es sich um eine liebenswerte Geschichte, bei der das Lesen auch über fast 800 Seiten hinweg Spaß bereitet, ohne daß man das Ende herbeisehnt.