Aus der Amazon.de-Redaktion
Süden macht sich mal wieder unbeliebt. Zu nachtschlafener Zeit trommelt der 44-jährige Hauptkommissar mit Besoldungsstufe A11 bekifft auf seinen Bongos herum und nervt seine Nachbarn. Überhaupt ist Süden (ebenfalls mal wieder) in einer Lebenskrise: "Er war Polizist", heißt es in Friedrich Anis Roman
Gottes Tochter, "der aus Gründen diesen Beruf ergriffen hatte, die ihm heute seltsam und unbedeutend erschienen und ihn, wenn er in einer jener katastrophalen Nächte in seinem gelben Zimmer darüber nachdachte, zwangen sich zu fragen, warum er nicht seine Dienstwaffe, die er nie benutzte, aus der Schublade holte, den Lauf zwischen die Zähne steckte und abdrückte." Gut nur, dass Selbstmord für ihn keine Lösung ist.
Am Ende des Buches wird sich im Beisein Südens jemand anderes eine Waffe in den Mund stecken und sich erschießen, am Ende einer hoffnungslosen Liebe auch, die sich zwischen einem Mädchen aus München und einem Jungen aus Rostock -- beide mit dunkler Vergangenheit -- entsponnen hat. Wie Shakespeares Romeo und Julia können sie erst im Tod zusammenkommen, weshalb Ani nicht nur ein Motto aus eben jenem Drama für sein Buch gewählt, sondern seine Helden auch noch Rico und Julika genannt hat. Derart offensichtlich ist vieles, allzu vieles in Gottes Tochter. Was bei Shakespeare wirklich tragisch war, klingt in Anis Krimi häufig kitschig.
"Wir durften nicht leben und haben es dennoch getan", schreibt Julika zum Schluss in ihr Tagebuch. "Wir durften uns nicht kennen und sind uns dennoch begegnet. Wir sind erwachsen genug für den Tod." Davor aber hat Ani einen Plot um Schuld und Verstrickung gesetzt, der über weite Strecken nicht wirklich überzeugt. --Thomas Köster
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Brigitte, 01. Oktober 2003
Ein Krimi, dessen Geschichte auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich scheint. Julika de Vries, gerade 18 geworden, haut von zu Hause ab, um mit ihrer frischen Liebe Rico ein neues Leben anzufangen. Tabor Süden, Hauptkommissar der Vermisstenstelle in München, soll das Mädchen finden. Seine Spur führt ihn nach Rostock, in Ricos Heimatstadt. Da ist Julika untergetaucht. Was als zarte Liebesgeschichte beginnt, nimmt eine dramatische Wendung: Es stellt sich heraus, dass Rico und seine Freunde an den Ausschreitungen um das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen beteiligt waren, bei denen (jedenfalls im Buch) ein Vietnamese ums Leben kam. In diesem Umfeld sucht Süden nach Julika. Seine Ermittlungsmethoden sind bemerkenswert: Er schweigt und bleibt und bringt damit nahezu jeden zum Reden. Süden ist überhaupt eine eigenwillige Persönlichkeit innerlich selbst zerrissen, mit einem unerschöpflichen Verständnis für die Schicksale anderer. Sein Erfinder Ani hat einen Ermittler geschaffen, der so ungewöhnlich ist wie die Sprache, in der er seine Welt beschreibt: nüchtern, poetisch, präzise, wach, bewegend. Einfach grandios! Stephan Bartels
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Romeo und Julia im heutigen Deutschland: Rico und Julika - bei einem nächtlichen Fest lernen sie sich kennen und kommen nicht mehr voneinander los. Doch wie in Shakespeares Stück droht die Liebe an persönlicher Schuld und der gesellschaftlichen Realität zu scheitern. Zwei Verbrechen und die Vergangenheit Ricos im Dunstkreis politisch fragwürdiger Freunde lösen ein Verhängnis aus ...
Julika, eine 18-jährige Gymnasiastin aus München, ist spurlos verschwunden. Sie ist ihrem Freund Rico heimlich nach Rostock hinterhergereist. Rico war als Jugendlicher bei Ausschreitungen mit dabei. Die Vergangenheit holt ihn nun ein, als auf einer Feier ein Unfall passiert, bei dem die Verlobte seines besten Freundes ums Leben kommt. Ricos rechtsradikale Freunde bringen das junge Liebespaar in größte Gefahr. Tabor Süden, Kommissar der Vermisstenstelle, nimmt den Fall in die Hand und vertraut bei den Ermittlungen wie immer seiner Intuition. Als ihn die Suche nach Julika in die Ostseestadt führt, läuft die Clique um Rico Amok.
Über den Autor
Friedrich Ani, 1959 in Kochel geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in München. Für seine Arbeiten erhielt er diverse Stipendien und Preise, u.a. den Literaturförderpreis der Stadt München, den Deutschen Krimipreis und den Staatlichen Förderungspreis für Literatur des Bayerischen Kultusministeriums.Gert Heidenreich, geboren 1944 in Eberswalde, lebt in der Nähe von München. Sein Werk umfaßt Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays, Theaterstücke und Arbeiten für Funk und Fernsehen. Er wurde u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis (1986), dem Literaturpreis der Stadt München (1990), dem Phantastik-Preis (1995) sowie dem Marieluise-Fleisser-Preis (1998) ausgezeichnet. 1991-1995 Präsident des deutschen P.E.N.-Clubs (West).