Julika aus München lebt bei ihren wohlhabenden Eltern. An ihrem achtzehnten Geburtstag verlässt sie die Wohnung und taucht nicht mehr auf. Ihr Vater zeigt die „Vermissung" an, Kommissar Süden von der Vermisstenabteilung soll sie schnellstmöglich wieder heimbringen. Doch Julika ist jetzt volljährig, sie kann tun und lassen, was sie will und auch leben wo sie will. Und sie will nicht zurück zu ihren Eltern, das stellt sie eindeutig klar. Trotzdem gelingt es ihrem Vater, Polizei und Fernsehen in Bewegung zu setzen und herauszufinden, dass Julika in Rostock ist.
Rico ist zweiundzwanzig und lebt noch bei seiner Mutter in einem Rostocker Plattenbau. Eines Abends steht Julika vor der Tür, Julika, die er vor ein paar Wochen an einem Abend getroffen hat. Rico hat eine ABM Stelle, die bald ausläuft und wie Julika eine Vergangenheit, doch die ist nicht wohlbehütet. Rico war als Jugendlicher dabei, als ein Asylbewerberwohnheim brannte, er war dabei, als sich ein Vietnamese aus dem Fenster stürzte und verblutete.
Zusammen besuchen Julika und Rico die Verlobungsfeier von Juri und Ale. Auch die beiden waren vor Jahren dabei, als der Vietnamese starb. Und als das Schiff, auf dem Verlobung gefeiert wird, brennt, Ale dabei stirbt, holt die Vergangenheit Rico wieder ein und auch Julika stellt fest, dass man nicht so einfach entfliehen kann.
Eigentlich ein Krimi, aber einer abseits von den üblichen Krimiklischees. Kommissar Süden ist nicht bei der Mordkommission, sondern für Vermissungen zuständig, ein richtiger Mord passiert nicht und das Buch handelt eher von verschiedenen Leben in Deutschland Ost und West, den Vorurteilen auf beiden Seiten, selbst die Polizisten sprechen hüben und drüben die gleiche Sprache und meinen doch ganz anderes. Seine Spannung folgt aus den Personen und deren Geschichte, nicht aus einer Vielzahl von Morden und Actionszenen mit Verfolgungsjagden und wilden Schießereien. Ein Buch, das auch für Krimi-fans in Bann schlägt. Sicher nicht „das" Buch zur deutschen Wiedervereinigung - als ob ein einziges Buch dazu genügen würde! -, aber eines davon.
Dass der Verlag es als „Romeo und Julia im heutigen Deutschland" anpreist, mag aus Marketinggesichtspunkten verständlich sein, wird aber weder Shakespeare noch Ani gerecht. Und vielleicht hält es sogar den einen oder anderen vom Lesen ab. Letzteres wäre wirklich schade.
(C) Hans Peter Roentgen