In Ruanda wurden ganze Dörfer entmenscht. Jeder einzelne hatte den Tod vor den Augen. Die Angst war Frauen, Kindern, Alten und Männern gleichermaßen ins Gesicht geschrieben. Manche wurden sofort getötet, anderen wurden die Archillesseh-nen durchtrennt, um die nun Hilflosen später langsam unter langen qualvollen Schmerzen zu töten. Den Schmerz am eigenen Leibe spürend wird sich so mancher Leser im gemütlichen Sessel verkrampfen. Man erträgt diese Vorstellung, daß ein anderer Schmerzen erleidet nicht. Man sieht Bilder, die via Fernseher nur flüchtig wahrgenommen wurden, vor seinem Auge und wird sie nicht mehr los. Schließlich betäubt man seine Phantasie und seine Empfindungen mit dem Argument, daß man nichts dagegen machen kann. Es liegt eben nicht in der Macht des einzelnen die Dinge der Welt zu beeinflussen. Ein paar Tage später sind diese Bilder verdrängt und das Schnitzel schmeckt so gut wie vorher. Doch halt! Es gibt nach Meinung vie-ler Menschen ein Wesen, welches die Macht hat alles zu ändern. Es ist Gott. Also schnell ein Gebet an IHN und alles wird sich ändern. Warum aber ist ein Gebet notwendig? Gott ist doch allwissend. ER müßte doch von diesem Übel besser bescheid wissen als alle Reporter zusammen. ER kennt doch die Nöte der Menschen. Zusätzlich ist ER das gütigste Wesen, das man sich vorstellen kann und um eine solch selbstverständliche Hilfe muß man IHN doch nicht bitten. Warum tut ER nichts gegen diese Übel? Warum hat der angebliche Schöpfer nicht eine von Anfang an bessere Welt geschaffen?
Streminger betrachtet diese als Theodizee bekannte Problematik von allen Seiten, hat alle Erklärungsversuche berücksichtigt, die jemals erdacht wurden. Für einen Freidenker wäre es unmoralisch Elend in Kauf zu nehmen, um eine ästhetisch schö-ne Welt zu schaffen. Gläubige Menschen sind hier anscheinend weniger zimperlich. Halten doch einige von ihnen die Theodizee lösbar, indem sie behaupten, daß (ihr) Gott, Schönheit nur schaffen konnte, indem er auch die Übel inklusive Holocaust schuf. Demnach ist es sogar gut, daß immer wieder ein paar tausend Menschen ge-tötet werden. Übel machen die Welt erst so richtig schön. Gegen eine solche menschenverachtende Ansicht polemisierend gehen mir als Rezensenten dieses Buches die Gefühle durch, ein Wissenschaftler darf sich jedoch nicht an Gefühle halten. Er muß auch die absurdesten Argumente widerlegen. Streminger schaffte dieses ohne die Gefühlsebene zu bemühen. Er bleibt in seinen Ausführungen objektiv, ohne trocken zu sein.
Streminger zeigt nicht nur die Unmöglichkeit einer Theodizee, sondern auch die Gefahr, die von einem solchen Denken für die Moral in der Gesellschaft ausgeht. Des weiteren werden die Problematik der Willensfreiheit und die Gottesbeweise abge-handelt. En passant werden King Lear und Wuthering Heights exzerpiert und die jesuanische Ethik beäugt. Durch diese Fülle an behandelten Themen bekommt man mehr als nur ein Buch über die Theodizee. Streminger verliert trotzdem nie den roten Faden.
Gegen Ende des Buches wird eine Argumentation simuliert, wie sie gegen einen Theisten geführt werden könnte. Ich konnte mich von der Stärke dieser Argumentation in der Praxis überzeugen. Jeden theistischen Religiösen trifft die Aussage bis ins Mark, daß es möglicherweise einen Gott, aber sicher keinen lieben Gott gibt. Folgt man dann bei einer Diskussion den Anleitungen Stremingers, erkennt man nicht nur die Stärke der Argumente, sondern man bemerkt auch, daß die wirkliche Diskussion in genau den selben Bahnen verläuft wie die Simulierte im Buch.
Leider wird der ausgezeichnete Gesamteindruck des Buches durch zwei Sätze getrübt. In beiden Textstellen ist der Autor der Meinung, daß der Buddhismus als reine Lehre keine Verbrechen kennt und keine negativen Seiten aufweist. Wie die Trimondis und Collin Goldner aufzeigten, ist das pure Propaganda. Auch der Buddhismus ist für einen aufgeklärten Menschen die reine Leere.