Während Karl Barth eine Dogmatik mit einem Gesamtunfang von mehreren tausend Seiten vorlegte, nimmt sich daneben das Hauptwerk Eberhard Jüngels mit gut 550 Seiten geradezu bescheiden aus. Doch dieses Werk hat es in sich. Hier schreibt ein Autor, der im besten Sinne als einer unserer hervorragendensten klassischen Gelehrten gelten darf und einen theologischen Enwurf vorlegt, der so verschiedene Strömungen wie die Wort-Gottes-Theologie Karl Barths, die ontologische Daseinsanalyse Martin Heideggers, Bonhoeffers "Tod-Gottes-Theologie" (u.v.a. mehr) aufnimmt und zur Synthese bringt. Die stärksten Kapitel sind freilich die, in denen Jüngel sich kritisch mit dem neuzeitlichen Atheismus auseinandersetzt (Feuerbach, Nietzsche, Fichte). Kritisch heißt für Jüngel: den Atheismus nicht rundweg abzulehnen, sondern seine (berechtigte) Religionskritik so zu verarbeiten, dass sie für die Theologie und die Gotteslehre zum Gewinn wird. Desweiteren: Gott radikal in seinem Wesen als Liebe zu bestimmen und von diesem Standpunkt aus Luthers Lehre vom verborgenen Gott in Frage zu stellen. Beeindruckend auch die Zweinaturenlehre (Gott identifiziert sich mit dem toten Jesus), Jüngels Beobachtungen zum Gebrauch der Gleichnisse bei Jesus und die Bestimmung der Trinität als "Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins". Kurzum, dieses Buch stellt hohe Anforderungen an die theologische Vorbildung des Lesers, dieser wird aber für seine Mühen mit einem grandiosen (und in sich beinahe schon zu schönen) Entwurf protestantischer Theologie belohnt, dem kein anderes zeitgenössisches Werk an die Seite gestellt werden kann.