Bei diesem Werk muss man sauber trennen: Rüdiger Vaas ist Biologe und Wissenschaftsjournalist und er hat einen ausgezeichneten Schreibstil. Ohne ihn wäre dieses Buch wahrscheinlich ganz anders geworden. Michael Blume ist ausgebildeter Bankkaufmann, konvertierter Christ sowie Religionswissenschaftler. Er ist für die "religiöse" Interpretation der zusammengetragenen Ergebnisse verantwortlich.
Schon Titel und Untertitel zeigen diese religiös motivierte Absicht der Interpretation. Erst kommt Gott, dann der Rest. Im Untertitel "Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität." werden die Begriffe Glauben und Religiosität so verwendet, als ob sie synonym wären. Hierdurch wird suggeriert, dass auch Religiosität nützt und eine eigenständige Evolution hätte. Aber ein solches Ergebnis können Vaas und Blume nicht liefern.
Als Sammelwerk, welches dem interessierten Leser einen guten Gesamtüberblick über den aktuellen Forschungsstand vermittelt, ist diesen Werk durchaus zu empfehlen. Aber ... Und dieses Aber ist fundamental wichtig. Es gibt bis heute keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition, was man unter Spiritualität, Religiösität und Religion zu verstehen hat. Geschweige denn, wie so etwas exakt zu messen ist. Daher ist das Buch eine wahllose Sammlung von Äpfeln und Birnen, bei dem die Ergebnisse von hunderten von Wissenschaftlern zusammengetragen werden, ohne das jemand sagen kann, was da eigentlich erforscht und gemessen wurde.
Und der religionswissenschaftliche Autorenteil macht sich auch nicht die Mühe, den Leser darauf aufmerksam zu machen.
Diese Willkür wird durch eine recht eigenwillige Interpretation nicht besser. Zumal Korrelationen mit Ursache und Wirkung verwechselt wird, um die Ergebnisse anderer in eine gefällige religiöse Richtung zu verbiegen. Herr Vaas wäre gut beraten gewesen, hier als Naturwissenschaftler auf Distanz zu gehen.
Alles in allem: Eine gute, nicht mehr ganz aktuelle, Sammlung, bei deren wissenschaftlicher Interpretation jedoch der Wunsch der Vater des Gedankens war: Also wissenschaftlich unseriös und unsauber - eben mehr theologisch.