(Kinoversion)
Roman Polanski hat mit "Der Gott des Gemetzels" sozusagen eine ernste, teilweise bitterböse Variante eines typischen Woody Allen-Films gedreht. Wie bei Allen, sind in diesem Film eigentlich die Worte die Hauptdarsteller, wobei natürlich auf einen ausgezeichneten Cast nicht verzichtet wurde. Und wo Allen zwinkernd und schmunzelnd eher seichte menschliche Abgründe bloßlegt, geht Polanski in die Vollen und reißt den Beteiligten mit sprachgewandter Macht die Masken der political correctness vom Gesicht und entblößt menschliche Schwächen, Vorurteile, Neid und Boshaftigkeiten. Und dank des ausgezeichneten Drehbuchs von Yasmina Reza, die hier ihr eigenes Theaterstück filmgerecht umgeschrieben hat und einem Cast, der darstellerisch zur Höchstform aufläuft, ist aus "Der Gott des Gemetzels" eine fulminante Wortschlacht geworden, die gerne mit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" verglichen werden darf. Und das Ganze in sehr runden, intensiven und kurzweiligen 79 Minuten.
Der 11jährige Zachary (Elvis Polanski) haut dem gleichaltrigen Ethan (Eliot Berger) eins auf die Omme, dieser trägt eine blutige Lippe und knapp zwei ausgeschlagene Zähne davon. Grund genug für die Eltern der beiden Rotzlöffel, sich zu treffen und die Situation wie Erwachsene zu klären. Dies geht allerdings gründlich nach hinten los, da die Eltern von Zachary, Nancy (Kate Winslet, "Titanic") und Alan Cowan (Christoph Waltz, "Inglorious Basterds") und Ethan, Penelope (Jodie Foster, "Das Schweigen der Lämmer") und Michael Longstreet (John C. Reilly, "Stiefbrüder") sich von Anfang an unsympathisch sind und die mühsam aufrecht erhaltene Fassade aus Höflichkeit und Einvernehmen im Verlauf des Gespräches mehr und mehr zu bröckeln beginnt. Am Ende dieses Treffens bleiben vier erschöpfte, bloßgestellte und desillusionierte Streithammel zurück, deren Verhältnis so kurz wie unwiederbringlich zerstört ist, während Zachary und Ethan längst wieder einträchtig miteinander spielen. Tja, so kann's kommen, wenn Erwachsene sich wie kleine Kinder aufführen, den Streit aber mit der rhetorischen Wucht kriegerischer Diktatoren führen.
Neben dem exzellenten Drehbuch, welches auf dem gleichnamigen Theaterstück von 2006 basiert, steht und fällt ein Film, der nur an einer Location spielt und somit keine Möglichkeiten für großartige Kameraexperimente bietet, natürlich mit seinen Protagonisten. Und hier hat Polanski richtig groß aufgefahren. Drei seiner vier Hauptdarsteller sind Oscarpreisträger und auch der vierte im Bunde, John C. Reilly, zeigt, dass er wesentlich mehr kann, als in albernen Komödien den Deppen zu spielen.
Kate Winslet als Nancy variiert ihren Charakter wunderbar zwischen höflich-reserviert und emotional völlig aus dem Ruder laufend, nachdem sie ein paar Drinks gekippt hat. Je mehr Strähnen sich aus ihrem sauber gesteckten Dutt lösen, umso befreiter agiert sie. Spätestens, nachdem sie sich die Nachspeise der Longstreets noch mal durch den Kopf hat gehen lassen, bröckelt die Fassade der akkuraten, beherrschten Investmentmaklerin und weicht einer aufgebrachten, ironischen, aber auch sehr frustrierten Frau.
John C. Reilly als Michael gibt hier anfangs sehr überzeugend den Streitschlichter und personifizierten Gutmenschen, der alles schnell und reibungslos wieder ins Lot bringen will und Auseinandersetzungen hasst. Je mehr er aber im Verlauf der Geschichte in die Enge getrieben wird, und das auch von seiner Frau, desto mehr zeigt sich, was passieren kann, wenn man Menschen zu sehr reizt und ihre Grenzen nicht respektiert. Fast möchte man applaudieren, wenn dieser an sich nette, zurückhaltende Kerl dann endlich mal ausflippt und verbal um sich schlägt.
Jodie Foster ist schon so lange im Geschäft, dass es ihr mühelos gelingt, nahezu jede Rolle überzeugend zu verkörpern. Und auch hier spielt sie wieder hervorragend auf, allerdings gibt es eine Handvoll Szenen, in denen selbst Foster den darstellerischen Bogen etwas überspannt und knapp am Overacting vorbeischrammt. Ab und an ist ihre Miene zu gewollt verkniffen, reagiert sie zu heftig auf noch relativ harmlose Äußerungen und steigert sich zu übertrieben in ihren Gerechtigkeitswahn. Davon abgesehen jedoch ist ihre Penelope eine moralisch überkorrekte, gerechtigkeitsliebende, mit ihrem Leben unzufriedene Frau, die für ihre geplatzten Träume insgeheim ihren Mann verantwortlich macht. Ihre verkrampfte Verspanntheit macht erst nach ein paar Whiskeys einer feurigen Wut Platz, die wie ein Tornado über Michael und auch die Cowans hinwegfegt.
Und obwohl hier alle Schauspieler gleich viel Screentime haben und hervorragend spielen, muss man doch einmal mehr Christoph Waltz' großartiger Performance Respekt zollen, der seinen Alan so wunderbar fein nuancieren kann, ihm so viele witzige, sarkastische, verwunderte, erschöpfte und intensive Abstufungen entlocken kann, dass man sich an seinem Spiel gar nicht satt sehen kann. Ständig mit seiner Kanzlei telefonierend und zu Beginn eigentlich nur körperlich anwesend, bringt sich Alan nach und nach immer mehr in die Streitereien, die sich entwickeln, ein, wobei er auch hier erst einmal emotionale Distanz walten lässt. Irgendwann ist aber auch bei ihm das Maß voll und er beginnt, sehr pointiert und gezielt auszuteilen. Sein Spiel ist besonders ambivalent, besonders amüsant und noch mal, so fein ausgearbeitet, dass man rein darstellerisch von ihm am meisten geboten bekommt und sich vor diesem Ausnahmetalent nur verneigen kann.
Roman Polanski ist hier ein großartiges Stück Schauspielkino gelungen, dass seine Theaterherkunft nie verleugnet, aber dennoch seine eigene, cineastische Dynamik entwickelt und bestmöglich entfalten kann. Besonders der Storyaufbau, die Wandlung der zivilisierten Eltern zu zanksüchtigen Verbalakrobaten, die keine Rücksicht auf Verluste mehr nehmen und jegliche Hemmungen fallen lassen, ist fantastisch. Zum Spannungsbogen trägt ebenfalls die Bildung neuer Allianzen bei, so dass man stets gespannt ist, wer sich als nächstes mit wem verbünden wird oder dem anderen in den Rücken fällt. Fast schon ist es schade, dass der Film nur 79 Minuten lang ist, denn wenn die Protagonisten erstmal richtig warmgelaufen sind, hätte man ihnen noch viel länger zuschauen können. Wer sich also für Filme, die nur an einem Ort spielen, für sprachlich hochwertige Dialoge und ganz hervorragende Darsteller, die die ganze Palette ihres Könnens abrufen, begeistern kann, der sollte sich schleunigst "Der Gott des Gemetzels" ansehen. Volle fünf von fünf verbalen Speerspitzen, die ihr Ziel punktgenau treffen.