sagt der Seelsorger Stefan Hippler. Respekt!
Vielleicht bewegt sie sich doch, die römisch-katholische Kirche. Es ist natürlich nicht nur die katholische Kirche, die eine wirksame Bekämpfung der Pandemie in Afrika durch das Kondomverbot verhindert. Aber die Kirche muss auf die Realitäten des Lebens Antworten finden. Und, sie muss sich mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften auseinandersetzen. Sie kann sich nicht mehr auf den üblichen Verweis auf Gottes Willen zurückziehen. Sie muss die von Augustinus begründete katholische Sexualmoral kritisch diskutieren. Aber es geht nicht nur um die Kondomfrage. Es geht auch um die Betrachtungsweise der Krankheit (nicht etwa als Strafe Gottes), um Gleichberechtigung von Mann und Frau, und um Kirchenangelegenheiten (AIDS-Kranke, beispielsweise, nicht zum Verlassen der Gemeinde aufzufordern). Diese Auseinandersetzung führt der Priester Stefan Hippler, auch wenn dies seiner Karriere eher hinderlich sein dürfte. Der erfahrene Afrika-Korrespondent der 'Zeit', Bartholomäus Grill, unterstützt den Seelsorger.
*Theologie und Realität*
Der Zusammenhang von AIDS und Sexualität macht der Kirche Angst. "Sie wollen sich diesen Fragen nicht aussetzen, denn dann würden sie sich auf ein moraltheologisches Minenfeld begeben." Es geht also unter anderem um eine überlebte Sexualmoral, die im Wesentlichen Augustinus vor eineinhalbtausend Jahren formuliert hat (zur Erinnerung: Der spätere Kirchenlehrer Augustinus hatte sich ursprünglich den Manichäern angeschlossen, die zeitweilig in Konkurrenz zu den Christen auftraten. Von ihnen übernahm er wohl die Auffassung, dass menschliche Körper, Sinnlichkeit und Sexualität böse seien. Als Bischof forderte Augustinus, dass alle, die vom christlichen Glauben abkommen, vom Staat bestraft werden sollen. Auf die Lehren des Augustinus berief sich die Inquisition. Augustinus gilt in der katholischen Kirche als Heiliger ...). So überrascht es letztlich nicht, wenn die Kirche in Afrika auf Postern sexuelles und kriminelles Handeln in einem Atemzug nennt. Gleichzeitig empfiehlt sie den Afrikanern ihr Gewissen zu entwickeln und ihre Kultur zu leben. Dabei übersieht sie geflissentlich, dass die Vielehe häufig zur Kultur gehört und mit der von der Kirche geforderten Monogamie im Widerspruch steht. Darüber hinaus betrachten manche Kirchenfürsten AIDS indirekt als Strafe Gottes, als Folge von Untreue. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum AIDS auch "Unschuldige" trifft: Warum infizieren sich dann ausgerechnet Kinder und treu gebliebene Ehefrauen und Freundinnen?
*Politik und Wissenschaft*
Die beiden Autoren brandmarken auch die AIDS-Politik der südafrikanischen Regierung als skandalös. Einige Politiker verschweigen oder verleugnen das Problem ("HIV? It does not exist!"). Andere verbreiten, dass "weiße Interessengruppen" die Afrikaner mit ihrer "Giftmedizin" erniedrigen, ausbeuten und töten wollten. Auch die unrühmliche Rolle einiger Wissenschaftler sprechen die Autoren an. Als jemand, der die HIV-Forschung hautnah und von Beginn an miterlebt hat, bin ich bestürzt darüber, dass eine handvoll Wissenschaftler unverantwortliche Vorstellungen verbreitet haben, allen voran Peter Duesberg, was mich besonders ratlos macht. Denn Peter Duesberg zeichnet sich durch einen klaren wissenschaftlichen Verstand aus und hat hervorragende wissenschaftliche Arbeit geleistet. Es war anfangs durchaus auch sein Verdienst, scharfsinnig auf Lücken und Ungereimtheiten in den Ergebnissen der HIV/AIDS-Forschung der 80er und 90er Jahre hinzuweisen. Dies hat die Forschung präzisiert. Warum er die überwältigende wissenschaftliche Evidenz nicht akzeptiert, dass HIV kausal für die Epidemie verantwortlich ist (er bestreitet selbst die epidemische Ausbreitung), werden nur er und der liebe Gott wissen (und der nur sehr ungenau).
*Ein aufrüttelndes, brisantes Buch, kenntnisreich geschrieben. Nicht nur für Katholiken.*
Wir regen uns - mit großem Medienecho - über zweiundzwanzig tragische Fälle von Leukämien bei Kindern auf, die im Laufe von zwanzig(!) Jahren im Umkreis von 16 (!) Kernkraftwerken aufgetreten sind, noch dazu ohne nachweisbaren kausalen Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung; aber wir lassen zwei Millionen AIDS-Tote pro Jahr (!) in Afrika links liegen. Und die Kirche trägt eine Mitschuld: In Afrika bedeuten die kirchlichen Gebote für viele, die sie strikt befolgen, das Todesurteil.