Noch nie habe ich eine Rezension geschrieben, die so lang geworden ist, wie diese. Ich bitte den geneigten Leser um Nachsicht.
Ein so dichtes Buch kürzer zu rezensieren, ist mir schlicht trotz mehrfacher Versuche nicht möglich gewesen.
Kein geringerer als der Franziskanerpater Richard Rohr und selbst Autor von zurzeit 22 in deutsch vorliegenden Büchern haben die Autoren für das Vorwort ihres Buch gewinnen können. Und Richard Rohr war über viele Jahre in meiner Wahrnehmung selbst ein Gedankenerweiterer, Türöffner und spiritueller Lehrer für die Autoren.
Nun legen die, die viel von ihm gelernt haben, ein Buch vor, das zeigt, das sie selbst Lehrende und 'Meister' in ihrem Bereich geworden sind. Das sei vorab bereits als erstes Votum zu diesem Buch genannt, dass ich als großartigen Entwurf erlebe und mich nicht mehr daran erinnern kann, in den letzten Jahren ein Sachbuch erlebt zu haben, dass mich derart in Aufregung und Spannung gebracht hat.
In diesem Buch konnte ich erleben, wie sich Bausteine meiner eigenen Erlebniswelt zu einander fügen konnten, wie dies bisher für mich nicht möglich erschien.
Die Autoren schaffen es für mein Empfinden, erstmalig im deutschen christlichen Bereich, so deutlich Welten miteinander zu verbinden, die bisher unverbunden erschienen. Welten die irgendwo zwischen Psychologie, Philosophie, Weltsicht, Theologie und Spiritualität anzusiedeln sind.
Nun zu den drei Autoren
Tilmann Hagerer hat mindestens drei (oder auch mehr?) der Bücher von Richard Rohr übersetzt. Der evangelische Pfarrer hat auf seinem Weg viele alternative Wege beschritten. Ob das erste Job-Sharing im Pfarrerbereich in der Evangelischen Kirche in Bayern, die Einführung der Thomas-Messe in der Evangelischen Kirche für Kirchenfremde oder eigene Buchveröffentlichungen zum Beispiel unter dem Titel: Kirchenfrust und Gotteslust oder Plädoyer für unvollkommene Gemeinden. Ich denke man darf Haberer als einen Suchenden bezeichnen, der unter seiner eigenen Kirche litt und diese auch bereits verlassen hatte, aber vor Jahren wieder in die kirchliche Arbeit als Leiter der ökumenischen Lebensberatungsstelle Münchner Insel zurückkehrte und in diesem Buch auch für viele Christen, die an ihrem Glauben oder ihrer Kirche Irre geworden sind, einen Weg zurück weist, der tragfähig ist.
Marion Küstenmacher ist ebenfalls Theologin und arbeitet seit 1983 als Lektorin beim Claudius-Verlag mit den Schwerpunkten Psychologie und Spiritualität. Seit Jahrzehnten verbindet sie und ihren Mann viel mit den Büchern und Gedanken von Richard Rohr und dem Enneagramm, bei dem beide auch aktive Mitwirkende im Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm sind. Beide stehen als Autoren und/oder Mitverantwortliche für dutzende Bücher.
Werner Tiki Küstenmacher, wie könnte es anders sein, auch Theologe und evangelischer Pfarrer ist vor allem durch seine Leidenschaft im Zeichnen bekannt geworden. Seine Cartoons haben große Verbreitung gefunden und er gilt als 'meistbeklauter Karikaturist der christlichen Szene'. Doch er darf auf keinen Fall auf seine Karikaturen reduziert werden. Erwähnt sei stellvertretend das Buch Simplify your Life, geschrieben zusammen mit Lothar Seiwert, das mit 4 Mio Exemplaren wohl meist verbreitete Werk von ihm.
Wenn also diese drei Menschen mit ihren faszinierenden Biografien und beruflichen Erfahrungswelten, sich zu einem derartigen Buchprojekt zusammen setzen, darf man auf das Ergebnis sehr gespannt sein.
Die Autoren nähern sich erstmalig von christlicher Seite der Gedankenwelt die sich meist mit dem Stichwort 'Spiral Dynamics' oder 'Integrale Theorie' verbindet, begründet von dem Wissenschaftler Clare Graves (Psychologe) und weiterentwickelt durch Ken Wilber, Christopher Cowan und Don Beck. Clare Graves war Professor für Psychologie in New York und könnte vielleicht als das amerikanische Gegenstück zu dem deutschen Niklas Luhmann sein, der Wesentliches zum Thema Systemtheorie beigetragen hat. Graves hatte das Anliegen, die vielen, in sich nicht zu vereinenden Theorien der Psychologie zu vereinen.
Zwischen 1952 und 1959 sammelte er Unmengen an Daten um diese anschließend auszuwerten. Heraus kam am Ende die 'Emergent Cyclic Levels of Existence Theory', Es gelingt ihm darin sowohl biologische, soziale, systemtheoretische als auch psychologische Ansichten zu verbinden. Sein Modell ist dynamisch, entwicklungsfähig, kennt aber auch Regression und beleuchtet menschliche Entwicklung in komplexen offen Strukturen, die sich entwickeln können. Weit früher als andere hat er dabei den Gedanken von spontanen, selbstorganisierenden neuronalen Netzen im menschlichen Gehirn im Blick.
Seine Gedanken werden in der Folge insbesondere in zwei Bereichen weiter entwickelt: Christopher Cowan hat zusammen mit Don Beck das Modell unter den Namen 'Spirale Dynamics' in die Managementwelt adaptiert.
Und der amerikanische Philosoph Ken Wilber, der zurzeit noch als einer der letzten Universalgelehrten bezeichnet wird, hat daraus seine 'Integrale Theorie' entwickelt. Bücher zu beiden Linien finden sich reichlich hier bei Amazon.
Der Cross-Over aber zur christlichen/spirituellen Welt hat bisher aber nicht stattgefunden, den nun erleben wir in diesem Buch.
Ich selbst bin den Gedanken von Spiral Dynamics nicht weiter gefolgt, nachdem ich das Buch von Cowan und Beck gelesen hatte. Zu überschwänglich, zu 'esoterisch' begeisternd war die Sprache die ich hier erlebte. Schade! Denn nun zeigen die Autoren dieses Buches mir, dass ich an wertvollen Gedanken vorbei gegangen bin, die ich aber hier in ihrer Bedeutsamkeit entdecken kann.
Die Grundidee einer menschlichen Entwicklung über verschiedene Seins-Stufen ist nicht wirklich neu. Aber die so konsequente Ausformung und Beschreibung menschlicher Entwicklungsformen vom reinen Existieren (1.0 Beige) über Zugehörigkeit in Clans mit magischen Weltbildern (2. 0 Purpur) über das Thema Macht/Kampf Krieger (3.0) zu Königreichen und Hierarchien mit Ordnungen und Gesetzen, über Eine Stufe 5.0 mit Freiheit, Wohlstand und unternehmerischer Kultur bis zur Welt 6.0 Grün, in denen wieder ein sehr gemeinschaftlicher Stil entwickelt wird. Es macht Sinn.
Extrem hilfreich ist gleich zu Beginn der Hinweis, dass es jeweils eine Wir-Stufe und dann ein Ich-Stufe gibt. Das verdeutlicht die Einsamkeit, die Menschen erleben können, die sich nach einer Wir-Stufe weiter entwickeln.
Was die Autoren aber grandios beschreiben ist, dass unsere Gottesbilder eben immer diesen entsprechenden Seins-Stufen entsprechen, ja entsprechen müssen. Und das Menschen eben immer das von Gott beschreiben und greifen konnten, was Ihnen als Gedanken- und Erfahrungswelt auf dieser Ebene zur Verfügung stand. Der blutrünstige Gott des Alten Testaments macht Sinn für Menschen auf der Ebene 1.0 Beige. Viele Beschreibungen von Dämonen oder auch der Kampf Jacobs am Jabbog mit einem Flussgott macht Sinn auf 2.0 Purpur. Und manch einer wird seine Kirchengemeinde vielleicht das erste Mal richtig verstehen, wenn deutlich wird, dass die auf der Ebene 4.0 Blau angesiedelt ist, wo es unter anderem um das Thema Wahrheit und Eindeutigkeit geht. Ebenso wird klar warum große Teile unserer Gesellschaft sehr ablehnend auf kirchliche Frömmigkeit aber positiv auf viele esoterische Angebote reagieren. Ein großer Teil unserer Gesellschaft ist auf Stufe 5.0 Orange zu finden und diese erlebt die Stufe 4.0 in abwertender Form.
Dieses Buch hilft zu verstehen, warum es eine große Gruppe unserer Gesellschaft gibt, die auf Stufe 5.0, Orange leben in der Freiheit Wohlstand, Rationalität wichtig sind und eine aufgeklärteres Ich keinen Gott anerkennen kann, der die Wahrheit vertritt. Ein großer Teil unserer Gesellschaft in den letzten 30 Jahren ist Orange und es macht Sinn, dass diese Menschen Christen auf Stufe 4.0 Blau einfach kaum aushalten können.
Stufe 6.0 Grün klingt da als spannende Herausforderung in der Integration, Selbsterfahrung, Aufeinander achten und Versöhnung im Vordergrund einer Gemeinschaftserfahrung steht. Schön, wenn christliche Gemeinden dahin kommen!
Aber spätestens bei Stufe 7.0 Gelb kommt eine neue Überraschung, da nach Clare Braves sich nun die sechs Stufen wiederholen, diesmal aber etwas Neues geschieht. Denn es wiederholen sich die ersten sechs Stufen, diesmal aber ohne Verachtung der vorherigen Stufe! Die Stufen wiederholen sich, aber in 'erlöster' Form und in der Fähigkeit die anderen Stufen zuvor stehen zu lassen, sein zu lassen. Ken Wilber sieht gerade einmal 1% aller Menschen auf dieser Stufe...
Bei Türkis, als 8.0 mit dem Gedanken der Universalität finden wir Begriffe und Erfahrungen von Universalität, Verbundenheit, Weltethos und weitreichenden Netzwerken, die sich entwickeln.
In 'Spiral Dynamics' konnte ich diesen Gedanken, wie bereits benannt, nicht folgen. Zu euphorisch waren dort die Beschreibungen. Hier aber kann ich folgen und mitgehen und auch nachvollziehen, warum der Weg soeben an Stufe 9.0 heran ragt aber noch nicht beschrieben werden kann. Es sind zu wenig Menschen auf dieser Stufe angekommen. Auch dass die Entwicklung der Stufen immer schneller geht lässt sich hier gut nachvollziehen, wenn wir darüber nachdenken, was sich allein durch Internet, Email, Handy, Facebook und Google an Veränderung unserer Gesellschaft entwickelt hat, was 1980 niemals jemand hätte voraussehen können.
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