Dieser Band bietet auf 520 Seiten eine umfassende Darstellung der Kunst der Gotik. Die reiche Bebilderung ist zwar sehr gelungen, jedoch z.T. fehlerhaft beschriftet. Wer noch nie etwas anderes von der Kunstepoche der "Gotik" gehört bzw. gelesen hat und sich für dieses Buch zur Einführung entschieden hat wird erstmals begeistert sein: nicht teuer, schöne Abbildungen, informativ geschriebener einfacher Text... Jedoch stellt sich bei näherer Beschäftigung heraus, das das Buch wohl kaum die Ansprüche eines wissenschaftlich fundierten und belegbaren (u.a. keine Zitate) Werks in Anspruch nehmen darf. Auch ein Überblickstext darf nicht plauschalisieren und monokausal argumentieren. Auf über 500 Seiten wäre dies unweigerlich möglich gewesen. Die politische und religiöse Funktionalität der "Kunst" des Hoch- und Spätmittelalters hinsichtlich Geschichte wird kaum dargelegt. Einzelne Bauten werden in schönen Abbildungen gezeigt, jedoch nicht architekturhistorisch und architekturterminologisch beschrieben. Die Entwicklungen werden an den "traditionellen" Aufhängern bzw. Beispielen festgemacht, die nicht nur teilweise nur peripher betrachtet werden. Zwar ist die Auswahl an Beispielen riesig, jedoch wäre eine vertiefende Auswahl daraus und ein genauerer Blick auf einzelne Beispiele sinnvoller gewesen. Das Projekt einer Zusammenfassung auf das Wesentliche mag hier wohl gescheitert sein, da sich die Autoren nicht auf ein oder wenige Beispiele einigen konnten und die erwähnten zum großen Teil leer stehen lassen. So geschehen bei der prominenten "Cover"-Kirche von San Francesco in Assisi: erstmal ist das Cover nicht gut gewählt (vielleicht wäre Sainte Chapelle z.B. besser gewesen) - sowie wird der gesamten Kirche (nicht nur die Oberkirche) im Buch nur eine Seite gewidmet. Der Schwerpunkt des Buchs liegt klarerweise auf der Architektur und Skulptur, jedoch wird der gotischen Malerei nur ein sehr marginaler Platz eingeräumt - die Buchmalerei des Spätmittelalters wird dem Interessierten auch nahezu unterschlagen.
Ein wirklich an der Kunst und deren Funktonalität und Entwicklung interessierter Leser sollte dieses Buch zwar als Einführung schätzen, jedoch nicht so weit gehen dieses Buch als "ultimatives" Werk zu betrachten. Wieder ein Beispiel dafür, dass die optische Aufmachung den inhaltlichen Makel nicht bloß überschattet sondern scheinbar unsichtbar macht. Zu den Fehlern und Ungenauigkeiten will ich mich hier nicht auslassen, jedoch gebe ich zu bedenken, dass dies sicherlich nicht die bereits angeschlagene Qualität des Buches fördert. Trotzdem kann (aufgrund mangelnder und noch schlechter Alternativen) das Buch ins Regal eines jedermann aufgenommen werden (drängt es sich ja aufgrund des Preises förmlich auf). Jedoch sollte das kritsche Auge immer wachsam bleiben.