Der reich bebilderte Band präsentiert erstmals systematisch und nahezu vollständig die Innenausstattung der Marienburg in ihrem Originalzustand als neugotisches Gesamtkunstwerk. Vor diesem Hintergrund erscheint die umstrittene Versteigerung von 20.000 Objekten aus dem Welfenschloss im Herbst 2005 in neuem Licht. Intrigen, Diffamierungen, Unterschlagung von Baugeldern, Auswechslung von Architekten, Bauführern und Handwerkern, zudem auch das politische Desaster von 1866 beeinträchtigten die Bauausführung der Marienburg. Der umsichtigen Lenkung des komplizierten Baugeschehens durch die Königin Marie ist zu verdanken, dass beim Bau dieser malerischen Höhenburg dennoch eine künstlerische Ganzheit von hoher Qualität entstand. In einer sonst selten vorkommenden Vollständigkeit und Detailliertheit sind die historischen Dokumente zum Bau der Marienburg erhalten geblieben. In über 200 Aktenpaketen des Niedersächsischen Hauptstaatsarchives (Dep. 103) gewinnen wir Einblicke in sämtliche Planungs- und Bauvorgänge - von der königlichen Baupolitik bis zur Handwerkerrechnung. Einzigartig ist auch der auf der Marienburg aufbewahrte Bestand von fast 2000 Bauzeichnungen, den Frau Isabel Maria Arends erstmals geordnet und in einem Findbuch verzeichnet hat. Hier sind alle Vorskizzen, Entwürfe und Werkzeichnungen erhalten geblieben - für Wand-und Deckenmalereien, für Bildhauerarbeiten, für Holzarbeiten an Decken, Paneele, Parketts, Türen und Möbeln, für Metallarbeiten an Gittern, Hespen, Beschlägen und Türklinken. Auch der Nachlass des Architekten Edwin Oppler im Stadtarchiv Hannover enthält über 100 Zeichnungen zum Ausbau der Marienburg und zahlreiche alte Fotografien, in denen die ursprünglichen Zustände der Innenräume veranschaulicht werden. Dazu kommen viele während der Bauzeit veröffentlichte Abhandlungen, vor allem in der von Oppler selbst herausgegebenen Zeitschrift „Die Kunst im Gewerbe“. Isabel Arends hat - in über fünfjähriger intensiver Forschungsarbeit - erstmals sämtliche Schrift- und Bildquellen vollständig erschlossen, mit den örtlichen Baubefunden verglichen und ihre Untersuchungsergebnisse in der vorliegenden Arbeit systematisch und anschaulich dargestellt. Sie hat eine umfassende Baumonographie vorgelegt, die allen künftigen Restauratoren der Marienburg als Leitfaden und unentbehrliches Nachschlagewerk dienen kann. Der Fundus neu gewonnener Erkenntnisse ist gewaltig. Bisher unbekannt ist beispielsweise ein politisch interessanter Sachverhalt, den Frau Arends im Kapitel „Das Hannoversche St. Helena“ beleuchtet: Während des Krieges im Jahre 1866 wurde am inneren Ausbau der unfertigen Marienburg weitergearbeitet; denn das Königspaar beabsichtigte, nach der preussischen Annexion jahrelang auf der Marienburg zu residieren, um ein politisches Signal zu setzen und eine bessere Verhandlungsbasis für die geplante Wiederherstellung des Königreiches Hannover zu haben. Tatsächlich aber residierte nur die Königin auf der ihr als Privateigentum überschriebenen Marienburg, quasi auf einer „Verbannungsinsel“ inmitten des preussisch annektierten Territoriums, musste dieses „Asyl“ jedoch schon Mitte 1867 verlassen und zu ihrem nach Wien exilierten Gatten ziehen. Danach wurde unter schwierigen Umständen noch jahrelang im Inneren der Marienburg weitergebaut. Das so enstandene Ensemble von über hundert exquisit gestalteten Räumen blieb fast ungestört, weil das Schloss eben nur kurze Zeit bewohnt war und grössere Modernisierungsmassnahmen nicht durchgeführt wurden. Edwin Oppler genoss zu seiner Zeit grosse Anerkennung als Innenarchitekt und Möbelentwerfer, sowie als Reformer des Kunstgewerbes. Die Marienburg gehört zu seinen Frühwerken. Hier konnte er seinen Reformstil zum ersten Mal voll entfalten. Frau Arends beschreibt im Kapitel „Entwurf und Ausführung“ präzise die aus den Zeichnungen, Baurechnungen und örtlichen Baubefunden hervorgehenden Gestaltungsziele, Herstellungsmethoden, Materialverarbeitungen und Oberflächenbehandlungen. Die meisten Handwerker konnten die hohen Anforderungen des Architekten nicht erfüllen, weil sie im Zuge der industriellen Revolution ihre Kunstfertigkeit verloren hatten. Daher entwickelte sich die Grossbaustelle der Marienburg zu einer Lehrwerkstatt des hannoverschen Handwerks. Oppler unterrichtete hier persönlich die Tischler, Schmiede, Weber und Kunstmaler. Die Ergebnisse dieser ungewöhnlich schöpferischen Bauphase sind heute noch auf der Marienburg zu bewundern. Dieser neue malerisch-ornamentale, zugleich auch konstruktiv-funktionale Ausstattungsstil der Marienburg - eine Spielform der neugotischen „Hannoverschen Schule“ - breitete sich in der Folgezeit über ganz Deutschland aus. Oppler und seine Schüler (Kastenholz, Möckel, Schorbach und andere) errichteten zahlreiche Synagogen, Kirchen, Kapellen, Schlösser, Gutshäuser und andere Profanbauten, besonders in Nord- und Westdeutschland, in Sachsen, Schlesien und Thüringen. Die Opplersche Raumkunst erlangte internationale Bedeutung, wie etwa auch zur gleichen Zeit die Raumkunst des berühmten englischen Kunstgewerbereformers William Morris. Die Arbeiten der von Oppler ausgebildeten Handwerker und Künstler wurden auf Kunstgewerbeausstellungen deutschlandweit mehrfach prämiert. Das Opplersche Schaffen wurde in der Kunstwissenschaft bislang unterbewertet, unter anderem weil seine Bauten nur noch rudimentär erhalten sind. Seine Synagogen wurden in der Aera des Nationalsozialismus zerstört, und seine vielen Schlösser und sonstigen Profanbauten in der Nachkriegszeit oftmals unsensibel modernisiert. Nur auf der Marienburg blieb Opplers Raumkunst nahezu unangetastet und gilt heute als letztes erhaltenes Zeugnis seines Reformstils.