Kozmic Blues ist unverständlicherweise das am wenigsten erfolgreichste Album vom weiblichen Rock-Prototyp, der unbestrittenen Queen: Janis Joplin! Besonders viele Alben konnte sie während ihrer leider viel zu kurzen und abrupt endenden Karriere ja nicht aufnehmen, aber „I Got Dem Ol' Kozmic Blues Again, Mama!" stellt eindeutig den Höhepunkt ihrer Soul- und Blues-Leidenschaft dar. Außerdem beinhaltet es einige ihrer besten Gesangsleistungen. Das Erscheinungsdatum im Jahre 1969 hätte ungünstiger nicht sein können, denn es fiel direkt in die Zeit der aufkeimenden Rassenunruhen in den USA. Janis stand mit ihrem neuen, schwärzeren Sound genau zwischen den Stühlen. Sie war die Weiße mit der schwarzen Musik, weshalb Kozmic Blues einerseits von vielen Weißen, gleichzeitig aber auch von vielen Schwarzen abgelehnt wurde. An der Qualität der Songs kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass das Album grundsätzlich hinter „Cheap Thrills" und „Pearl" angesiedelt wird.
Los gehts mit dem relaxten Beat von „Try", einer der bekannteren Joplin-Songs, der langsam und relativ leise anfängt und schließlich mit einem Schrei-Orkan endet. Ein sehr guter Opener, der die typische Janis-Power vermittelt und einen sofort mitreißt. Danach wird's mit „Maybe", einer ihrer wenigen Balladen, etwas ruhiger und so sehnsüchtig wie Janis darin „Please, Please, Pleeeease" heult, hat das bis heute niemand mehr hinbekommen.
„One Good Man" überrascht in den ersten Sekunden mit orgelmäßigen Klängen, entpuppt sich dann aber als guter Blues, der durch Janis' Stimme einzigartig wird. Übrigens ihr einzig wirklich traditioneller Blues-Song.
Darauf folgt das extrem groovende „As Good As You've Been To This World" mit einer Janis, die die Lyrics in überwältigender Geschwindigkeit förmlich ausspuckt. Eine Spezialität von ihr. „To Love Somebody" ist ein Bee Gees Cover, was das Original natürlich bei weitem übertrifft. Ebenfalls eine Spezialität von ihr. Wenn Janis was coverte, war ein Song definitiv gesungen und gehörte ab diesem Zeitpunkt ihr, und zwar NUR ihr!
Bevor es mit „Little Girl Blue" fast herzergreifend wird, erlebt das Album durch den stimmungsvollen „Kozmic Blues", der einzigen Singleauskopplung des Albums (41 Wochen in den Hot 100, höchste Platzierung # 9), seinen vorläufigen Höhepunkt. Den absoluten Höhepunkt stellt allerdings der letzte reguläre Song dar, das fast 7 Minuten lange „Work Me Lord". Janis singt so intensiv, so fesselnd, dass man praktisch hinhören MUSS und endgültig in ihren Bann gezogen wird. Der Song wurde zwar nicht von Janis selbst geschrieben, passt aber auf sie wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge und drückt in einer Textzeile Janis' ganzes persönliches Dilemma aus: „Every day I keep trying to move forward, but something is driving me back"...
Als Bonus bekommt man noch das eher langweilige „Dear Landlord" (Bob Dylan Cover) und zwei geniale Versionen von „Piece Of My Heart" und „Summertime" - beides Live-Mitschnitte vom berühmten Woodstock-Festival 69!
Unterm Strich bleibt ein Album, das auch nach über 30 Jahren noch außergewöhnlich gut klingt und auf jeden Fall immer mal wieder einen Hördurchgang wert ist. Eigentlich kein Wunder bei dieser Sängerin und dieser Stimme... sie war und ist einfach die Beste. Keine Frage.