Gormenghast - ein unermeßlich riesiges Schloß, dessen verfallene Stockwerke Landschaften gleichen, eine Burg wie der Körper eines versteinerten Titanen: durchzogen vom spinnwebverhangenen Kapillargeflecht drohend modernder Gänge und endloser, enger Treppenfluchten. Düstere Säulenwälder locken in die Irre, die Schritte verhallen in bedrückend klammen Kammerlabyrinthen, Hallen aus Stein werden zu einem Mikrokosmos - ein "gothic nightmare" par excellence, der ohne vordergründigen Horror oder peppige Magieeffekte auskommt. Ganze Burgflügel sind in Vergessenheit geraten, ganze Stockwerke und Dachstühle gleichen einer vergessenen, einsamen Wildnis, jeder Versuch, sie zu erkunden, gerät zur gefährlichen, subversiven Expedition. Das Geheimnisvolle lauert in den Schatten, das Mysterium des undurchschaubaren, sinnentleerten "Rituals" bestimmt das Leben jedes Schloßbewohners - und was für Gestalten sich da finden! Peake versteht es, seine ohnehin skurrillen Charaktere mit listiger, humrovoller Penetranz bis zum Gipfel der Absurdität zu überzeichnen und ihnen dennoch liebevoll ihre Menschlichkeit zu lassen - im Guten wie im unsagbar Bösen. Sein stilistisches Niveau verrät einen brillianten Wortkünstler, für den Sprache mehr ist als nur Werkzeug zum Zweck, die Handlung zu vermitteln. Sprache gebiert Stimmung, Sprache weckt Sehnsucht und fesselt an Örtlichkeiten, Sprache füllt die Seele der Protagonisten mit Leben. Ich kenne auch das englische Original, Kompliment an die Übersetzerin!
Das Böse rebelliert gegen sein nichtsnutziges Dasein als Küchenjunge, während der 77. Graf Titus von Gormenghast geboren wird. Jahr für Jahr nutzt der von seinen ehrgeizigen Ambitionen angestachelte Steerpike seine verschlagen-geniale Intelligenz skrupellos, um die Mitglieder der Grafenfamilie zu verführen und von sich abhängig zu machen, bevor er einen nach dem anderen umbringt, während er selbst zu immer mehr Macht und Einfluß gelangt und noch außerhalb seiner Reichweite der junge Erbfolger heranwächst. Teile der alten Burg gehen in Flammen auf, Teile der Traditionen gleich mit. Titus romantische Schwester Fuchsia verkennt Steerpikes Bösartigkeit und verfällt ihm, doch auch das rettet sie nicht vor seinen Ränkespielen. An der Schwelle zum Erwachsenwerden tritt der junge Titus schließlich seinem Todfeind entgegen, um den Tod seiner Schwester und seiner Familie zu rächen und dem sich in reine Bösartigkeit verkehrten Machthunger des Renegaten ein dramatisches Ende zu bereiten.
Im dritten Band dann - die nackte Blasphemie! Der junge Graf tut das Undenkbare, das vor ihm seit Generationen keiner gewagt hat: er verläßt die Welt seiner Vorväter, er reitet durch das Burgtor hinaus in die unbekannte Welt dahinter, die gerade an der Schwelle zu Industrialisierung steht. Im Zuge seiner Selbstfindungsodyssee erkundet er eine Welt, die an Gormenghast nicht glaubt, die an ihn selbst nicht glaubt, der er nicht das geringste bedeutet, die ihn in Selbstzweifeln erstickt, bis Titus nicht mehr weiß, woher er kommt, wohin er gehen soll und ob es überhaupt existiert, jenes zwischen Raum und Zeit schwebende Mysterium aus Zwielicht und kaltem Stein, nach dem er sich sehnt, das er verliert, wiederfindet - aber nur um zu entdecken, daß er der Stätte seiner Kindheit für immer entwachsen ist...
Auch nach fast zwanzig Jahren ist die Gormenghast-Trilogie noch immer einer der drei großartigsten Romane, die ich je gelesen habe. Ein Entwicklungsroman mit langem Lesevergnügen und von einer heutzutage nur selten anzutreffenden stilistischen Raffinesse und einem exquisitem Wortwitz. Die geradezu anheimelnde, hintergründige Dramatik wird getragen von der Fabulierkunst eines Erzähltalents, das um seine literarische Gabe wohl von einem Charles Dickens beneidet worden wäre, dessen Weitschweifigkeit es sich aber nie zu eigen gemacht hat. Eine präzise, verbale Sezierkunst charakterisiert das Werk, um die Psyche der Protagonisten bloßzulegen, ohne sie zu verletzen. Jede Seite ist geschwängert von der bedrückenden Allgegenwart des "Rituals" und der romantisch-unheimlichen Präsenz der gigantischen Burg, die die Welt nicht braucht, um zu existieren, denn sie ist sich selbst Welt genug - und droht, unter ihrem eigenen Gewicht zermalmt zu werden. Weder Phantastik noch Mainstream kommt der Roman ganz ohne vordergründigen Horror und Zauberfirlefanz aus, um eine schauerlich-schöne, bisweilen zum Schmunzeln und auch zum lauten Lachen anregende Atmosphäre zu erzeugen, die das Buch schwer und klamm und voller Entdeckerlust in den Händen liegen läßt - was für eine Geschichte! Mervyn Peake, der jung durch Krankheit verstarb, ist einer jener Seltenen, die in der Tat nicht mehr als eines einzigen Werkes bedürfen, um jenen, die damit in Berührung kommen, für immer im Gedächtnis zu bleiben. Und die Reise nach Gormenghast vergißt man ein Leben lang nicht.