Vielleicht werden alle, die sich den Kinderglauben an den Gutmenschen, ja schlichtweg den Glauben an die Moral noch erhalten haben, dieses Buch angewidert zuschlagen. Vielleicht werden - wenn ein Buch denn so stark berühren kann - den zärteren Gemütern ein paar Tränen entrinnen.
Das alles tut der Genialität dieses Werkes nicht den geringsten Abbruch. Auch wenn die Authenzität und das Gefühl ein wenig unter der - wie ich meine - verkorksten Übersetzung leidet, wird der Leser mitgerissen in das dunkle, schmutzig-miefende Paris des 19.Jahrhunderts. Ein Gärballon aus menschlichem Unrat, Eitelkeiten, maßloser Gier und Intrigen.
Vater Goriot, der im Zuge der Französichen Revolution Millionen Francs mit seinem Getreidehandel machte, ist ein verliebter Tor. Nicht, dass es eine Frau wäre, in die er vernarrt ist. Es ist bedingungslose Tochterliebe, die den kauzigen Mann umtreibt und so hat er beschlossen, das gesamte Vermögen in seine Töchter zu stecken, damit diese in den obersten Schichten Paris verkehren können. Aber schon bald ist er in den feinen Salons nicht mehr gern gesehen, die Töchter schämen sich seiner Anwesenheit und verlachen ihn gemeinsam mit ihren adligen Anwärtern. Vater Goriot selbst zieht sich zurück in eine schmierige Spelunke, in der er ein trostloses Dasein unter dubiosen Gestalten fristet.
Balzac hat mit dem "Vater Goriot" einen Roman des menschlichen Schmutzes geschrieben, anwidernd und doch von tieftrauriger Schönheit und Aufrichtigkeit - das alles hat der Kaffeesüchtige übrigens in gut neunzig Tagen vollbracht. Wer neben den gediegenen Seiten des Lebens auch einmal die schmutzige, eklige sehen muss, findet hier - im Vergleich zu Houellebecq - noch ein Exempel der eher sanften Art.