",...eine Rede, die einen Geist überzeugt hat, zwingt den Geist, der
überzeugt hat, an die Worte zu glauben und den Taten zuzustimmen."
(GORGIAS, Loblied auf Helena)
Von Watzlawick stammt folgende Anekdote: Ein junger Selbstmordkandidat stürzte sich von einer Brücke in die Donau. Ein Gendarm, angelockt vom Auflauf der Menschen, nahm, anstatt in den Fluss zu springen, um zu helfen, sein Gewehr in die Hand, zielte auf den Selbstmörder und schrie: Komm heraus oder ich erschieße dich! Der junge Mann kam heraus, von Selbstmord war keine Rede mehr.
Ohne irgendeine Kenntnis von Gorgias, Pascal oder anderen Meistern der Überzeugung zu haben, führte seine paradoxe Intervention zur Veränderung von Verhalten und Einsichten und wer sich erinnert, wird feststellen, dass all die Fragen nach Wahrheit und Überzeugung eine lange Geschichte kennen. Die Pensées von Pascal (siehe 9 und 40), die Einsichten von Carl Rogers in der themenzentrierten Therapie oder die "vermischte Ansicht" Wittgensteins, dass Worte Taten sind, basieren alle auf ein Verhältnis von Wirklichkeit und Konstruktion und der darin bedeutsamen Kommunikation. Wenn Kommunikation heute als Mittel einer Problemlösung mittels Überzeugung, Rhetorik oder der Verwendung eines Paradoxon angesehen wird, dann gilt sich zu besinnen, wo der Ursprung liegt.
Platons großer Dialog "GORGIAS" ist von dieser das Gewissen erweckenden Kraft, die das bessere Ich erwärmt und auf die antike Tugend schwört. In allem steckt die hohe Absicht, zu einer gesunden Lebensansicht zu kommen und zwar mittels einer Überzeugung, die zugleich Wahrheit ist und nicht reine rhetorische Sophistik. Sokrates im Dialog mit Gorgias, Kallikles und Polos verficht die menschliche Bestimmung des Menschen zur Sittlichkeit, nötigt zur Anerkennung eines festen tugendhaften Kerns und führt zur bekannten Aussage, dass "Unrecht erleiden besser sei als Unrecht tun", dass die profane "Lust nicht zusammenfalle mit dem Guten" an sich. In Abrede und ironischem Widerspruch führt er die drei Gesprächspartner vor. Der Dialog zwingt zur Einsicht, dass nicht die profane Rhetorik als Ideal dieser Zeit, sondern eben nur die Philosophie Basis von Tugendhaftigkeit und Sittlichkeit sein könne und damit wahres Lebensziel.
Polos als junger Stürmer Vieles nur halb erfassend, Kallikles als vollendeter Weltmann sich über die Sittlichkeit stellend und letztendlich der alte Greis Gorgias, ein Schüler Empedokles, dem seine Gutgläubigkeit und Naivität zu schaffen machen, versagen allesamt gegenüber den auch in Heiterkeit vorgetragenen Argumenten Sokrates. Dieser nicht unerwartete Sieg scheint aber letztendlich nur ein theoretischer zu sein, denn in der hohen Kunst der Philosophie steckt zugleich der Verzicht auf jede Lebensbeteiligung. Wie Sloterdijk seine Askese bedenkt oder das dem Leben Entfernte als das Scheintote im Denken bezeichnet, J.J. Rousseau gar auf seinen Sparziergängen den lebensfernen Träumereien nachging und Beckett seinen Protagonisten Victor in Untätigkeit als Freiheitsfinder entdeckte (
Eleutheria), so könnte man Sokrates im scharfen "Entweder-Oder" verorten. Kallikles bringt es in einer Aussage auf den Punkt: zwischen der richtigen Lebensweise sei zu unterscheiden nach den subjektiven Gesichtspunkten, entweder als Mannesberuf mit Rednerkunst und Beteiligung an den Staatsgeschäften oder eben ein Dasein zu führen in einem der Philosophie gewidmeten Leben. Rhetorik im philosophischen Sinne ist somit Negation des Lebens. Und doch steckt in diesem Dialog Platons ein hohes Ideal, nämlich der zukünftige Bau eines Staates mit philosophischem Vorbild. In der Politeia wird er erst ganz gezeigt und in seinem berühmten
"siebenten Brief" zeigt sich die Fehlbarkeit in Syrakus.
Und doch wird die Methode des Gorgias, Rhetorik als Kunst der Überredung und Überzeugung zu begreifen, heute so bedeutsam. Über die Positionen von Descartes und Pascal tritt die Rhetorik als Überzeugung heute an als therapeutische Intervention und so schließt sich der Kreis zu der Anekdote von Watzlawick. Aber auch Platon erinnert sich an die Lehren der Vorsokratiker, insbesondere Parmenides. Ihm ist es zu verdanken, dass die rein gedachte Erkenntnis ein Teilstück der Philosophie wurde und daraus die Erkenntnis erwuchs, durch Denken Begriffe und Emotionen miteinander in Verbindung zu bringen, deren Gültigkeit einleuchtend und unwiderlegbar ist. Nichts anderes ist heute Teil der Psychotherapie, wenn man an die Gesprächstherapie denkt.
Wenn nun dem jungen Carlo Michelstaedter es misslang, in der wahren philosophischen Rhetorik Fuß zu fassen, dann fehlte ihm vielleicht der Quergedanke zum Phaidon, in dem Sokrates zugab, bei aller Tiefe des Denkens, zu keiner wirklichen Befriedigung des Wissensdranges zu gelangen. Doch in der Liebe zu Gorgias Texten blieb dem Görzer einzig der Gedanke, nicht lange, sondern tugendhaft zu leben und so konnte er nur am Leben leben scheitern, aber in dem Trost, dass die reine Seele zur Seeligkeit gelangt, so wie im Phaidon eben die philosophische unsterblich ist.
Aber lesen Sie selbst über die Beredsamkeit des Gorgias und sein Bemühen, andere zum Redner zu machen. Und lesen Sie die Schlussrede von Sokrates, in der die Zusammenfassung der Überlegungen gegen die Verdummung der Massen und für die Aufklärung im Dialog als fünfte Essenz besticht.
~~