Es gab ein Leben vor "Sunset Mission", jenem Album, das den Mühlheimer Horror-Jazzern von "Bohren und der Club of Gore" im Jahr 2000 mit seinem Badalamenti-Referenzen schlagartig zur Institution der hiesigen Musikszene werden ließ. "Gore Motel", das Langdebüt aus dem Jahr 1994 - damals noch auf dem Punklabel "Epistrophy" erschienen -, ist von den jetzigen "Bohren" rein vom Sound her noch weit entfernt, aber dennoch von morbider Schönheit.
Statt dem melancholischen, zigarettenrauchgeschwängertem Hinaustreiben in den urbanen Raum (wie es die beiden letzten Alben darstellten), zieht man sich hier eher noch in den trocken-sandigen Raum aus B-Movies und Splatterfilmen zurück. Titel wie "Dandys lungern durch die Nacht" oder "Die Fulci-Nummer" (Lucio Fulci ist ein genretechnisch weit bewanderter italienischer Regisseur, der vornehmlich durch seine deftigen, nicht immer plausiblen Splatterfilme Kultstatus errang) sind deutliche Referenzen. Die Instrumentierung ist trocken, aber warm: Bass, Schlagzeug, etwas Gitarre, nur ganz gelegentlich gibt es Tastenintrumnte zu vernehmen: Langsam und stoisch gespielt ergibt sich dadurch eine Verschlossenheit, die vor allem zu Beginn - bis der erste Basslauf durchgespielt ist, können einige Minuten vergehen - etwas Geduld erfordert, zumal wenn man sich das Debüt retrospektiv, also von dem jetzigen Klang der Band, erarbeitet. Dennoch: Hat man die hermetische Dichte der ersten "Songs" duchbrochen und sich in dieser Welt zurecht gefunden, erwarten einen kleine Diademe atmosphärisch-instrumentaler "Film-Musik", die schon zum Jahr ihres Erscheinens von der Stil- und Geschmackssicherheit dieser Ausnahmeband zeugten. Das Edle, vielleicht auch etwas Gefällige, was die letzten beiden Inkarnationen von "Bohren und der Club of Gore" auszeichnete, sucht man hier zwar noch vergebens - dafür gibt es den Chic schmuddeliger Filme auf alten VHS-Kassetten: Pornobrillen, KISS-Plakate und Eastern-Referenzen allenthalben im stilbewusst gestalteten Booklet.
Bis heute hat diese Platte kein Stück von ihrer Einzigartigkeit und ihrem Reiz verloren. Und auch wer erst in jüngeren Jahren mit "Bohren" in Berührung gekommen ist, ist dringend dazu angehalten, sich auch die frühen Jahre der Band zu erschließen. Im Verein mit dem Nachfolger "Midnight Radio" (ein Jahr später, noch minimalistischer, hermetischer und keinen Deut weniger spannend) ergibt sich das Panorama einer Entwicklung, die im deutschen Musikbetrieb einzigartig ist. Bleibt zu hoffen, dass es der Band mit ihrem für Mai 2005 angekündigten neuen Album "Geisterfaust" gelingt, diesem beeindruckenden Gesamtwerk eine weitere Nuance hinzuzufügen.
Trivia am Rande: Das Tracklisting (zumindest der Erstauflage, die mir vorliegt; die Neuauflagen kenne ich nicht) weist die einzelnen Titel noch einer Auto- und einer Messerseite zu. Dies rührt offensichtlich noch von den Plänen her, das Album auch auf LP zu veröffentlichen. Diese ist allerdings, meines Wissens, nie erschienen.