Jean-Noel Jeanneney, der Direktor der Französischen Nationalbibliothek hat ein flammendes Pamphlet für die Einrichtung einer europäischen Bibliothek verfaßt, die die vorhandenen Buchbestände digitalisieren und ins Netz stellen soll, soweit sie nicht urheberrechtlichem Schutz unterliegen. Seine Initiative wendet sich gegen die Pläne der weltgrößten Suchmaschine Google. Das börsennotierte Unternehmen hatte im Dezember 2004 angekündigt unter der Namen „Google Print" 15 Mio. Bücher digitalisieren zu lassen. Damit würde Google zur größten Bibliothek der Welt avancieren.
Der Autor will diesem Szenario entgegentreten und beschwört die Einheit der Europäer den Plänen Googles eine bessere, weil systematisch besser geordnete Alternative entgegenzusetzen, in Form einer oder mehrerer europäischer Bibliotheken. Die Gefahr, die das Google-Prinzip heraufbeschwöre, liege in der kommerziellen Verwertung der aufgenommenen Bibliotheksbestände. Aufgrund der englisch-sprachigen Dominanz führe dieser Umstand zu verzerrenden und versimplifizierenden Treffern auf eine bibliographische Suchanfrage. Und wichtige Bücher aus dem nicht-englischsprachigen Raum würden lediglich ein Schattendasein auf den abgelegenen Plätzen fristen. Jeder weiß, daß Google seine Einnahmen durch Werbung erzielt und dementsprechend ein Treffer-Ranking besteht, daß sich an kommerziellen Gesichtspunkten ausrichtet. Darin liegt zweifelsohne die Gefahr der Manipulierbarkeit, natürlich nicht bei den Buchinhalten, aber bei der Schwerpunktsetzung der Titel zu einem bestimmten Thema. Hier will Jeanneney nun die Aufgaben der einschlägigen Fachkräfte, Bibliothekare und Buchhändler aufgewertet wissen, ein lobenswerter Ansatz, doch wenig realitätsnah.
Das zentrale Argument des Autors hingegen wiegt schwerer. Sollte Google des Wettlauf um die Digitalisierung der Bibliotheksbestände für sich entscheiden, drohe eine Gefahr für des kulturelle Erbe zumindest der kleineren europäischen Sprachräume, deren Nationalliteratur rapide an Bedeutung verlieren werde.
Deren Anliegen verfolgt Google als privates Unternehmen mit Sitz in den USA selbstredend nicht. Unnötigerweise schärft Jeanneney seine Argumentation mit einem (kleinen) Rundumschlag gegen Amerika und die amerikanische Politik im Allgemeinen . Bei allen Gemeinsamkeiten dies und jenseits des Atlantiks bestehe doch ein tiefer kulturellen Graben, angefangen von der Vorstellung des kapitalistischen Wirtschaftens, über das Kioto-Protokoll, Internationaler Strafgerichtshof bis hin zur Todesstrafe. Hier wünscht man sich mehr Präzision statt Pathos.
Wer soll in Europa eine digitale europäische Bibliothek aufbauen, lautet die zentrale Frage. Der Autor verweist auf des eigene französische Online-Archiv der Bibliothéque Nationale de France namens Gallicia (mit 70.000 digitalisierten Büchern im Volltext) und andere nationale Datenbanken. Jeanneney tritt für eine starke Kontrollinstanz ein (ein europäisches Institut?) vorzugsweise in Brüssel angesiedelt, eine Kooperation aus Politik und Privatwirtschaft, wobei der bürokratische Aufwand in Grenzen zu halten sei, damit der Privatwirtschaft bei der Entwicklungsarbeit beim Aufbau des Systems ein großer Freiraum verbleibe. Die Ausführungen hierzu bleiben weitgehend schwammig und kommen über ihren Appellcharakter nicht hinaus. Aber die Zeit eilt und den Europäern muß schnell ein überzeugendes Konzept einfallen, sonst wird Google kaum beizukommen sein.