Der 76jährige Philosophieprofessor Antonio Negri hat durch seine Verfolgung und Inhaftierung durch den italienischen Staat einige Bekanntheit erlangt. Zur Zeit wird er mit einem neuen Buch, zahlreichen Auftritten vor protestierenden Studierdenden und groß aufgemachten Interviews der bürgerlichen Presse massiv gepuscht.
'Goodbye Mr.Socialism' ist der aggressive Abgesang an jedwede sozialistische Perspektive und eine Abrechnung mit 'der globalen Linken', zu der Negri unterschiedslos Sozialdemokraten, Grüne und Revisionisten mit Revolutionären und Marxisten-Leninisten in einen Topf wirft, um sie samt und sonders zu verdammen.
Die Arbeiterklasse ' für Marxisten-Leninisten die einzig revolutionäre Kraft - kennt der Professor nur als bedauernswerte 'Figur des Massenarbeiters', die eh vom Untergang gezeichnet ist. Dass weltweit in den Niederlassungen der internationalen Übermonopole ein auch zahlenmäßig wachsendes Industrieproletariat auf höchstem Niveau arbeitet ' und mehr und mehr sich auch im Kampf organisiert ' das ist dem Professor glatt entgangen. Rebellion gegen bestehende, durchaus kritikwürdige Zustände, ist ' wenn überhaupt - nur einer verschwommenen 'Multitude' zuzutrauen. Die führende Rolle in der auch von ihm ersehnten antiautoritär-anarchistischen Revolte kann demnach nur die kleinbürgerliche Intelligenz haben. Dafür hat Negri eigenes eine 'immaterielle Produktion' erfunden, 'weil die kognitive lebendige Arbeit zur wichtigsten Produktivkraft geworden ist, die das System am Laufen hält.'(S.165)
Wenn einer völlig davon absieht, dass irgendwer die materiellen Dinge produzieren muss, die auch ein supergescheiter Professor zum essen, trinken, wohnen und sich kleiden braucht, dann kann er seinen Idealismus ruhig weiter spinnen: 'Das bedeutet Freiheit, wenn du nicht gezwungen bist, zur Arbeit zu gehen, und dir das Erfinden des Neuen, gemeinsam mit anderen, Freude bereitet.' (S. 63)
Dieser bewussten Irreführung entspricht auch die Methode des Buches, das als Interview im Stil einer langatmigen Talkshow angelegt ist. So kann Negri weite Bögen spannen vom Aufstand der Zapatisten im mexikanischen Chiappas, zu den Antiglobalisierungsprotesten in Genua, über den 'Kommunismus des Kapitals' in Davos, zur Situation in Brasilien, Iran oder China. Zu allem und jedem verbreitet er ein pseudowissenschaftliches Kauderwelsch ' belegen braucht er keine seiner gewagten Thesen.
Aber in all dem 'Katastrophismus der Linken angesichts der Krise' taucht doch für Negri doch eine Lichtgestalt auf:'Im Hinblick auf staatliches Handeln in der Krise steht, würde ich sagen, weltweit Barack Obama sehr klar für eine linke Kraft. Tatsächlich hat Obama ein Programm auf den Weg gebracht, das sich neben den Banken und den unmittelbaren Kapitalinteressen zugleich verschiedener wichtiger Belange des Proletariats annimmt, wenn er etwa die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Autobmobilindustrie unterstützt und ganz allgemein Hilfen für Hypothekenkreditnehmer bereits stellt. ' Für mich zeichnet sich hier eines der zentralen Elemente einer künftigen linken Politik ab, einer kommunistischen Politik, auch in Europa und anderen fortgeschrittenen Ländern.' (S. 221 f)
Ob Negri bei den etwa 80.000 Automobilarbeitern, die seit Obamas Amtsantritt ihre Jobs verloren Beifall bekommt, oder bei den Hunderttausenden, die ihre Häuschen räumen mussten und nun in Wohnwagen hausen ' oder bei den 30.000 US-Soldaten, die über das bisherige Kontingent hinaus zum Himmelfahrtskommando nach Afghanistan geschickt werden?
Sie müssen doch wohl, wenn ein so schlauer italienischer Professor in ihrem Präsidenten das neue revolutionäre Subjekt entdeckt hat. Oder?
Anna Bartholomé