Auf 570 Seiten enthält dieses Buch "das Beste aus den Gonzo Papers", den Reportagen des Journalisten und Schriftstellers Hunter S. "Gonzo" Thompson, hauptsächlich aus den 60er und 80er-Jahren. Das erste, was einem auffällt, ist, dass Thompson seine Artikel genauso geschrieben hat wie seine Romane. Somit ist die Unterscheidung Schriftsteller versus Journalist hinfällig, zumal man bei ihm nie genau weiß, wo die Realität ändert und, wo Thompson selbst auch ein stückweit Motor des Wahnsinns ist, auf den er trifft. Dennoch liest sich Thompsons subjektive Geschichtsschreibung wahnsinnig gut, weil sie von einer unglaublich ehrlich klingenden Erzählstimme getragen sind, die förmlich darum ringt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Was Thompson selbst als "Gonzo-Journalismus" bezeichnet hat, ist das Eintauchen in den ganz normalen amerikanischen Wahnsinn und dabei selbst Teil dessen zu werden, worüber es dann authentisch zu berichten gilt.
Man liest beispielsweise von Saufgelagen und Orgien am Rand des Pferderennens beim Kentucky-Derby, von mexikanischen Aufrührern im ehemals mexikanischen Süden der USA oder von die Entstehungsgeschichte von "Fear and loathing in Las Vegas". Daneben geht es um die Ignoranz, mit der die amerikanische Außenpolitik z.B. südamerikanischen Ländern die Demokratie bescheren will, die Anfänge der Hippiebewegung, die Unfähigkeit der Demokraten Ende der 80er-Jahre gegen semidebile republikanische Kandidaten Präsidentschaftswahlen zu gewinnen bis zu den Enttäuschungen der Clinton-Ära.
Am besten versteht man das Ganze wahrscheinlich, wenn man den Autor selbst zu Wort kommen lässt: "In einer Nation, die von Schweinen regiert wird, sind alle Ferkel auf dem Weg nach oben und wir übrigen sind am Arsch, bis wir uns am Riemen gerissen haben: nicht unbedingt um zu gewinnen, sondern hauptsächlich, um nicht total zu verlieren." Dieses Buch ist ein Schweinsgalopp durch die Untiefen amerikanischer Politik und Lebensart vom Anfang der 60er bis zum Tod Richard Nixons 1994. Wie in dem rabenschwarzen Nachruf auf Nixon am Ende des Buches zu lesen war die Wut auf Nixons rücksichtslose Bösartigkeit über all die Jahre Thompsons journalistischer Hauptantrieb: "Ich hatte viele Jahre lang eine Art persönlicher Blutsverwandtschaft mit Nixon, habe jedoch keine Angst, dass sie mich mit ihm zusammen in die Hölle bringen lässt. Ich bin mit dem Dreckskerl bereits dort gewesen, und das hat mich zu einem besseren Menschen gemacht." Und das ist noch nicht das beste Zitat daraus.
Der Spiegel hat Thompson als "letzten Gerechten Amerikas" bezeichnet, so falsch ist das nicht, denn hinter vielen Zynikern verbirgt sich ein hoffnungsloser Romantiker. Thompsons Selbstmord (den Begriff "Freitod" hätte er sicher zum Kotzen gefunden) 2005 hat jedenfalls eine riesengroße Lücke hinterlassen.