Bereits ein Jahr nach "Somewhere in England" erschien "Gone troppo". Was nach Produktivität aussah, schlug sich aber weder in den Verkaufszahlen noch im Album selber nieder: weil Harrison eigenen Angaben zufolge keinerlei Bedürfnis verspürte, auf Promotion-Tour zu gehen, wurde es ein Flop, und die Produktion spiegelt bei aller Professionalität einen Mangel an Ambition und im Showbusiness unerlässlichem Ehrgeiz wider, der zu sagen scheint: Nehmt mich wie ich bin oder lasst es sein! Der Albumtitel, "Gone troppo", war laut Harrison ein australischer Ausdruck für "eigentümlich", und eigenen Aussagen zufolge war er zu der Zeit mehr am Gärtnern interessiert als an einer Karriere als Popstar. Auch das recht alberne Cover (mit einem Bild von George, das mir von 1974 zu datieren scheint) und Innenhülle bzw. Booklet unterstreichen diesen Eindruck. Nun ist es ja immer schön, auch entspannte Künstler bei der Arbeit zu hören, aber dem Album fehlt einfach etwas Erdiges, Ernsthaftes, und es fragt sich, ob es auch MIT der nötigen Promotion hätte punkten können. Es passte ins Bild, dass Harrison sich erst fünf Jahre später wieder mit einem - diesmal sehr ambitionierten - Album ("Cloud Nine") zurückmeldete.
Dabei stimmen die Zutaten eigentlich: Harrison hatte sehr melodiöse Songs mit interessanten Harmonien geschrieben, und die Grundstimmung des Albums ist (mit Ausnahme des eher nachdenklichen Circles) durchgehend erstaunlich gutgelaunt, unbeschwert, sonnig, heiter, tropisch, etwas süßlich und teilweise übermütig für einen Musiker, der eher für spirituelle Botschaften auf seinen Alben bekannt war. Mit Wake up my Love, That's the Way it goes und dem Titelsong landeten drei Songs auf seiner "Best of Dark Horse"-CD. Dream away lief im Abspann des Films "Time Bandits", und von Circles gibt es ein Demo aus der Zeit des "Weißen Albums". Mit I really love you coverte Harrison einen Ohrwurm im Doo-Wop-Stil von 1961. Mit dem Einsatz von pro Song mindestens zwei Synthesizern, die über den Gitarrensound beinah dominieren (was sich dann aber zum Glück auf dem nächsten Album nicht fortsetzte), war Harrison auch soundtechnisch in den Achtzigern angekommen.
Wie zu erwarten sind wieder namhafte und bewährte Musiker dabei wie Billy Preston (keyb & voc), Jim Keltner (dr), Ray Cooper (perc) (der sich hier ziemlich austoben darf), Joe Brown (Mandoline), Gary Brooker (keyb), Henry Spinetti (dr), Dave Markee (dr) und Deep Purple-Organist Jon Lord, seinerzeit bei Whitesnake. Alle Musiker ordnen sich Georges Songs unter, keiner glänzt mit Egotrips. Wie üblich spielt George sämtliche Gitarren selbst, hat sich aber zur Abwechslung vokale Unterstützung in Form einiger Backgroundsänger geholt; er läßt sich öfters von einer Sängerin begleiten (Baby don't run away, Dream away), und die Bassstimme von Willie Green ist in einigen Songs zu hören (I really love you).
Von meinem Lieblingssong auf diesem Album, That's the Way it goes, erschien fünf Jahre später auf der Maxi-Single When we was fab ein Remix von Harrison und Jeff Lynne, und es war der einzige Song von "Gone troppo", der auf dem "Concert for George" gespielt wurde. Der Bonustrack des Remasters von 2004, das intime Demo von Mystical One, läßt hoffen, dass im Laufe der Zeit noch mehr von diesen Demos veröffentlicht werden.