Wer infarktgefährdende Hochspannung und reißerische Schilderungen sadistischer Bluttaten erhofft, ist falsch bei Remin. Betuliches Whodunnit-Gegrübel bietet er freilich auch nicht. Gewöhnliche "Krimis" sind die Bücher um den sympathischen, gescheiten Grafen, der unter die Poizisten gefallen ist, nur bedingt. Remins literarische, stilistisch brillante, geistvolle Geschichten aus dem Venedig der österreichischen Besetzung sind ein vollendeter Ausdruck dieser einzigartigen Stadt: Heiter, sinnlich, melancholisch, erotisch, etwas myteriös und umflort vom elegischen Charme eines nun seit Jahrhunderten fortschreitenden Untergangs. Das Venedig der 1860er Jahre ist, wie Commissario Tron, der melancholische, poesieliebende Ermittler, alter, aber verarmter Adel. Die Palazzi bröckeln, aus dem Wassern der Kanäle steigen Dünste der Verwesung, man hält sich, wie zu allen Zeiten, mit kleinen oder größeren Gaunereien über Wasser. Das gilt für das venezianische Volk (wir wissen das; Remin läßt das einfache Volk freilich nur als Statistenmaterial vorkommen), aber auch für höhere und höchste Kreise, wo russische Diplomaten, kaiserliche Agenten und sinistre polnische Abenteurer ihr zwielichtiges Spiel spielen. Große Adelsnamen zählen nicht mehr allzuviel: Neureiche Bankiers, Import-Export-Jongleure, Glasfabrikanten, Touristen aus Amerika verfügen über das Geld, nach dem alle jagen (in das Dach des Palazzos Tron regnet es bereits hindurch...). Tron und seine Mutter, die strenge Contessa, leben schon lange "von der Wand in den Mund", d. h. vom Verkauf ererbter Tintorettos, Boticellis, Bellinis oder Tizians. Ob die allerdings immer echt sind? Und was wäre, wenn die Kopie besser wirkte als das Original? Oder wenn unter mehreren perfekten Fälschungen das Original nicht mehr auffindbar ist? Oder die Fälschungen... gefälscht wurden? Mit solchen Fragen, deren gleichsam metaphysische Doppelbödigkeit Remin stets durchscheinen läßt, ohne sie allzu redselig auszubreiten, muß sich Alvise Tron, Conte aus uraltem venezianischen Adelsgeschlecht, das sogar einmal einen Dogen hervorgebracht hat, bei seinem dritten Fall auseinandersetzen. Die obligatorischen Morde haben einen artistischen Touch, etwas ästhetisch Gestaltetes, Theatralisches, sie interpunktieren eine leicht getrübte Mazurka (so heißt rätselhafterweise auch die neue Murano-Glas-Kreation, für deren Markteinführung der Commissario einen wichtigen Beitrag leisten soll...), wie sie auf einem venezianischen Maskenball gespielt wird - dort, wo niemand das ist, was er oder sie zu sein vorgibt, wo es unter lauter Masken nur "Fälschungen" und doch wieder auch viele Originale gibt.
Die Brillianz, mit der Remin die eher schlichte Handlug mit historischen und literarischen Anspielungen durchwirkt, ist betörend. Ein Beispiel: Auch Commissario Tron hat, wie sein späterer Nachfolger Brunetti, einen eitlen, inkomponenten Chef, der sih gern mit den Leistungen seiner Untergebenen schmückt. Trons Vorgesetzten kennen wir, wie die meisten ortsansässigen Protagonisten, schon aus den beiden vorangegangenen Romanen: Es handelt sich um Baron Spaur, einen ziemlich lächerlichen Machthaber-Hanswurst, den neben seinem Geltungsdrang drei Leidenschaften umtreiben: die Passion für regionale Kutteln-Gerichte, für die Schauspielerin Violetta und ... für die Literatur. Kompetent ist Spaur nur hinsichtlich der Kutteln. Tron soll ihm "helfen", eine Novelle zu schreiben, und dieser, grimmig entschlossen, sich des Auftrags mit der gebotenen Eile zu entledigen, entwirft seinem Chef eine möglichst ultra-kitschige, unplausible, anrüchige, albern abgeschmackte Kitsch-Story. Der Plot: Alternder Künstler kommt nach Venedig, verliebt sich dort in einen polnischen Knaben, stirbt aber dann an der Colera. Voilà: Was hätte Thomas Mann wohl gesagt, hätte man ihm verraten, sein weltberühmtes "Tod in Venedig" sei schon lange zuvor von einem venezianischen Comisssario erdacht worden - und zwar um den Autor der Lächerlichkeit preiszugeben!
Remin besitzt neben dem literarischen auch ein profundes historisches Wissen. Die Zeiten waren hochkompliziert: Garibaldis Truppen haben den König der beiden Sizilien verjagt und kämpfen um die Einheit Italiens; die östereichischen Habsburger, die Venedig mithilfe der kroatischer Jäger-Einheiten besetzt halten, fürchten um ihre Macht; Paris mischt sich ein, und der Zar von Rußland hat eine Menge Interessen in der Lagunenstadt zu verteidigen. Commissario Tron bewegt sich jedoch recht sicher und mit Fingerspitzengefühl in den Wirren dieses politischen Intrigensumpfes, und vor allem: Er ist diskret. Schon der reizenden Kaiserin Elisabeth - unser aller "Sissi" - hatte er (im Roman "Schnee in Venedig") dienen können; diesmal ist es ihre nicht minder charmante Schwester Marie-Sopie, der er aus einer wirklich heiklen Lage helfen muß. Und dann ist da noch die entzückende grünäugige Principessa de Montalcini, ebenso reich wie schön, in die sich Tron im ersten Roman recht unsterblich verliebt hatte. Inzwischen ist er ihr näher gekommen, sogar ...sehr nahe. Die Recontres mit der Principessa stehen leider unter einem unglücklichen Stern: Immer wenn der Feinschmecker und Champagner-Liebhaber Tron, betört von den sinnlich-spröden Avancen der Gräfin, die amourösen Aspekte der Beziehung vertiefen möchte (es gibt auch noch geschäftliche und intellektuelle), steht mit Sicherheit ein verlegen sich räuspernder äthiopischer Diener an der Tür und meldet einen Besuch, der keinen Aufschub duldet. Meistens ist dies der Tod.
Wer Venedig liebt und vielleicht ein bißchen süchtig nach ihrem morbiden Charme ist (der sich heute praktisch nur noch in den touristen-armen Winterzeiten erschließt), findet in Remins Romanen eine Prise seiner Droge wieder. Einen Tron-Roman von Remin zu lesen, versetzt einen in die gleiche leichte, meancholische Beschwipstheit, wie eine sommerabendliche Gondelfahrt mit einer schönen Frau (bzw. Person) an der Seite und einer Flasche Champagner an Bord, sowie einem diskreten Gondoliere... Auch für Nicolas Remins dritten Roman gilt dies alles ohne Abstriche. Er hat soch sogar noch übertroffen.
Um es im Stil der Zeit zu sagen: "Wer Romane von Remin liest, der liebt auch: das Licht Venedigs, die Mazurken Chopins, ironische Literatur, klassische Malerei und alles Stil- ud Geistvolle, das es heute nicht mehr gibt."