Ich halte Golo Mann, trotz seiner vielleicht viel berühmteren Verwandten, für das interessanteste Mitglied der Familie Mann. Er war nie sehr drauf bedacht sich durch seinen Namen in den Vordergrund zu spielen, geschweige denn einen Vorteil dadurch zu erzielen. Er hat einfach ein Leben lang sein Ding durchgezogen und das auch noch sehr gut. Deswegen habe ich mich auch mit Freude auf diese Biographie gestürzt, wurde aber leider ein Wenig enttäuscht.
Urs Bitterli hätte dieses Buch lieber mit "Eine Biographie seines Denkens" untertiteln sollen. Denn zu 90% ist es "nur" das. Vieles was Golo Mann jemals in seinem Leben aufgeschrieben hat, ob privat oder öffentlich, wird hier zitiert. Auch Tagbucheinträge seines Vaters oder Briefe von Freunden werden genannt. Natürlich erhält man dadurch einen grossartigen Einblick in Golo Manns Werk, in sein Denken, in seine Ansichten. Allerdings bleibt dabei der Mensch eher im Hintergrund. Seine Kindheit und Jugend wird auf ca. 100 Seiten abgehandelt. Es folgt dann eine Art Einführung in sein Erstlingswerk Friedrich von Gentz und eine vage (weniger als 50 Seiten) Beschreibung der ruhelosen Zeit bis zur Professur in Deutschland.
Dann wird das Buch ausführlich, teilweise allerdings zu ausführlich. Man erfährt so ziemlich alles von der Niederschrift seiner "Deutschen Geschichte", über seine politischen Publikationen bis zu Manns eher zweifelhafter Wahlhilfe für Franz Josef Strauss. Und natürlich gibt es auch eine Einführung für den "Wallenstein". Da man nicht nur die Ansichten des Historikers hier erfährt, sondern fast immer schon eine komplette Analyse der damaligen Umstände, finde ich, dass die Hauptperson dieses Buches teilweise doch etwas im Hintergrund verschwindet. Es ist immer gut ein Buch zu lesen welches man auch getrost als Zeitgemälde einer Epoche ansehen kann, aber das ist eine Biographie also sollte auch der "Beschriebene" den meisten Platz einnehmen.
Riesiger Minuspunkt ist die fehlende Information zu Manns Privatleben. Man findet hier kaum Angaben zu, z.B. seinem Verhältnis zu seinen Geschwistern (das wird zu kurz angerissen und das noch nicht mal bei allen Geschwistern), über seine Reaktionen zu den Selbstmorden seiner Brüder gibt es hier gar nichts und auch die Tatsache, dass Golo Mann einen Adoptivsohn hatte (und das ist ja nun wirklich nicht unwichtig!) wird hier auf weniger als einer halben Seite abgefertigt. Voher und nacher wird nie wieder die Rede sein von ihm! Sehr schlecht.
3 Sterne also, weil Golo Mann ein literarisches Denkmal, abgesehen von seinen eigenen Werken, einfach verdient hat und weil dieses Buch ja schon informativ ist, aber eben auf einer anderen Ebene als ich es gewünscht hätte. Die mageren privaten Fakten und die etwas verworrene Schreibweise (z.B. schlägt der Autor einem plötzlich mitten im Buch die Kurzbiographien der restlichen Mann-Kinder um die Ohren. Völlig zusammenhanglos. Ebenso kommen immer wieder Namen guter Freunde Golo Manns vor, die aber erst viel weiter hinten im Buch näher erläutert werden) geben aber 2 Sterne Abzug.