Noch von Delaneys Erstlingswerk begeistert, habe ich "Golem" in einem Buchhandel gesehen und habe sofort zugeschlagen. Bereut habe ich das nicht, denn der Plot fesselt den Leser wirklich, allerdings muss ich jetzt, nachdem ich es fertig gelesen habe, einige kleine Kritikpunkte anbringen.
In dem Thriller geht es um eine Zukunft, die wie alle Zeiten der Menschheit von Diskriminierung beherrscht wird: Menschen gegen die künstlich hergestellten Transkriptoren, künstlich erschaffene, genetisch perfekte Menschen. Transkriptoren werden unterworfen, für niedere Zwecke verwendet, müssen als Gladiatoren kämpfen oder als Prostituierte herhalten. Man erlebt diese Zeit aus hauptsächlich vier verschiedenen Blickrichtungen:
Roosevelt: Stiefsohn von Saxton sen., ein Naturschützer, Menschenrechtler, Weltenverbesserer, dazu liebender Ehemann und wohlhabend
Saxton jun.: seines Zeichens Samp-Broker und eifersüchtig auf den immer besser dastehenden Bruder Roosevelt, machtgierig
Queen Elizabeth: Transkriptorin und Revoluzzerin, allerdings von Selbstzweifeln geplagt
Detective Arden: geschiedener, verbitterter Inspektor, Vater einer nicht heilbar erkrankten Tochter, verliebt in Q.E.
Die eigentliche Story sollte am besten jeder selbst lesen, um sich ein eigenes Bild zu machen.
Delaney muss folgendes zu Gute gehalten werden:
Er zeichnet ein durchaus denkbares, wenn auch düsteres, Bild einer menschlichen Zukunft, mit glaubhaften Charakteren, auch wenn es gerade der entscheidenden Rolle Q.E. noch etwas an Tiefe fehlt. Die Geschichte kann fesseln, obwohl sie das typische "böser Bruder ist eifersüchtig auf guten Bruder"-Klischee genauso bedient wie etwa schon Schillers "Die Räuber". Gerade die drei männlichen Hauptfiguren werden unglaublich detailliert charakterisiert und so kann man sich richtig in diese hineinfühlen. Im Endeffekt überzeugt die Geschichte bis hin zu den letzten zwei Seiten.
Dann scheint es nämlich, als hätte jemand gewaltsam mit der Axt einen Teil herausgehauen. Offene Handlungsstränge bleiben stehen, so wird nicht aufgelöst was mit dem Mörder und Transkriptor Rasputin passiert bzw. eigentlich mit ihm los ist, aber es wird auch nicht erklärt, wie Roosevelt von jemandem, der eiskalt Rache übt, wieder zu dem friedlichen Menschen wird, der auf der letzten Seite präsentiert wird. Außerdem verwundert, dass von einem Tag auf den anderen, Transkriptoren plötzlich gleichgestellt sind und in Frieden irgendwo leben können. Auch wie Q.E. und Roosevelt von der Insel, auf der der Showdown stattfindet, kommen ohne der bereits wartenden Transkriptoren-Polizei in die Hände zu fallen, bleibt ein Rätsel.
All die kleinen Details, auf die Delaney in seinem ersten Roman "Dämon" so sorgfältig geachtet hat (ausgenommen der sich nach wie vor stellenden Frage, woher Saint weiß, dass genau zu diesem Zeitpunkt der Showdown im Lyerman-Buildung stattfindet), werden hier zum Schluss achtlos über Bord geworfen.
Wer eine in sich geschlossene Story liebt, der wird am Ende etwas enttäuscht sein, obwohl das Buch sonst gut unterhält.
Für diejenigen, die allerdings nicht so viele Fragen stellen und auf Happy Ends stehen, hat Delaney trotzt des abrupten Endes ein Meisterwerk geschaffen.