"Das hier ist keine Operette, das ist das Leben ..." 1931 in Berlin. Die Weltmetropole mit vier Millionen Einwohnern ist ein politischer Hexenkessel. Die Wirtschaftskrise verschärft sich. Zunehmende Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeiten öffnen Rassenhass und Kriminalität Tür und Tor. Faschisten der SA und Kommunisten der Rotfront gewinnen die politische Oberhand und liefern sich erbitterte Schlachten in offenen Straßenkämpfen. Aber auch in Berlins Unterwelt brodelt es. Der Ringverein Berolina kämpft mit vorwiegend illegalen Mitteln gegen die Nordpiraten. Wesentliche Schauplätze in Volker Kutschers drittem Roman um Gereon Rath, dem Kölner Ermittler im Berliner Morddezernat "Burg", sind Etablissemments, wie Amor-Diele, Venus-Keller, rote Laterne und nasses Dreieck. Die Vorgesetzten Raths werden liebevoll mit Buddha und Bulldogge tituliert.
Sein Auftrag diesmal: Er soll im exklusiven Hotel Excelsior den jüdisch-amerikanischen Auftragskiller Abraham Goldstein, genannt Äbie Gould-ßtiehn, für das Bureau of Investigation polizeilich überwachen. Doch aus einer Gefälligkeit für den amerikanischen Geheimdienst wird ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit. Schon auf den ersten Seiten ist man schlagartig mitten drin in einer Geschichte um US-amerikanische Auftragskiller, korrupte Polizisten, Selbstjustiz, Ganoven und Kleinkriminelle. Zwei obdachlose Jugendliche, Alex und ihr Freund Benny, lassen sich über Nacht im KaDeWe einschließen, um Uhren und Schmuck zu stehlen. Schon mehrfach ist ihnen gelungen, ihre erbeutete Ware an einen Hehler weiterzuverkaufen und sich mit dem so ergaunerten Geld über Wasser zu halten. Doch diesmal geht alles schief. Das Kaufhaus wird plötzlich von uniformierten Schupos gestürmt und nur Alex gelingt die Flucht buchstäblich in letzter Sekunde. Von der Straße aus muß sie untätig mit ansehen, wie ihr Freund Benny von der Balustrade in den Tod stürzt. Schuld an seinem Tod: einer der Schupos. Sie hat genau gesehen, wie dieser Schupo Bennys Finger unter seinem Stiefel zerquetscht hat. Von da an wird sie gejagt.
Währenddessen langweilt sich Gereon Rath im Luxushotel, denn der zu Beschattende scheint Lunte gerochen zu haben und verlässt daraufhin sein Zimmer nicht mehr. Dass sich der Auftragsgangster längst frei in der Stadt bewegt und im Besitz einer Waffe ist, ahnt niemand. Zudem beauftragt der Unterweltboss Johann Marlow Rath mit der Suche nach dem roten Jupp, seinem Geschäftspartner. Schnell gerät Gereon zwischen die Fronten eines Bandenkriegs. Zu allem Unglück streitet er sich auch noch heftigst mit seiner Dauerfreundin Charlotte Ritter, genannt Charly, die mittlerweile ihr Juraexamen bestanden und den Vorbereitungsdienst im Amtsgericht Lichtenberg angetreten hat. Statt endlich, wie schon mehrfach geplant, um ihre Hand anzuhalten, verkrachen sie sich derart unwiderruflich bei der Verfolgung unterschiedlicher, sich kreuzender Ermittlungsspuren, daß Charly beschließt, ihren Juraprofessor aus Karrieregründen für ein halbes Jahr nach Paris zu begleiten. Inzwischen ist es zu mehreren Todesfällen, auch zweier Schupos gekommen und alle Spuren führen zu Abe Goldstein. Was haben die Verrbrechen miteinander zu tun? Ist der Amerikaner tatsächlich verantwortlich für das Blutvergießen? ... und ... Wie schaffen es Gereon und Charly, dem Täter das Handwerk zu legen und dabei ihre Beziehung zu retten?
Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte an den Universitäten in Wuppertal und Köln war Volker Kutscher als Lokalredakteur in Wipperfürth tätig. Nachdem er mit seinen ersten beiden Romanen um den Kriminalkommissar Gereon Rath im Berlin der untergehenden Weimarer Republik
Der nasse Fisch und
Der stumme Tod: Gereon Raths zweiter Fall die Bestsellerlisten gestürmt hat, ist dies der dritte Band um den zwiespältigen Ermittler mit kölschen Wurzeln und einem Draht zur Unterwelt, der auch schon mal völlig vergisst, daß er eigentlich Polizist von Beruf ist.
Detailgetreu und historisch genau schildert Kutscher die komplexe Geschichte in verschiedenen Handlungssträngen mit unterschiedlichen Akteuren in ruhigem Erzähltempo. Die 574 Seiten wollen geduldig und sorgfältig gelesen werden, will man als Leser bei der umfangreichen personellen und ereignisreichen Ausstattung nicht den roten Faden verlieren. Sehr gut gelungen ist allerdings das Auffangen der damaligen brodelnden und gewalttätigen Stimmung in der Weltmetropole Berlin, dem Klein-Chicago Deutschlands. "Goldstein" zeichnet das Panorama einer zerrissenen Stadt auf dem Weg in den Faschismus und mitten darin die Kollision zweier Welten, die sonst wenig miteinander zu tun haben: die Welt der amerikanischen Gangster und die der erstarkenden Nazis in Berlin.
Gereon Rath ist als Hauptfigur ein Mensch mit Ecken und Kanten, der dem Leser bestimmt nicht durchweg sympathisch ist und genügend Schwächen bietet, um einen zerrissenen, moralisch nicht immer einwandfreien, Charakter darzustellen. Seine zukünftige(?) Verlobte Charly ist eine auffallend emanzipierte Frau, die in ihrer Wohnung freizügig Männerbesuch (auch über Nacht) empfängt und sich ständig zwischen beruflichen Interessen und persönlichem Glück entscheiden muß. Zudem muß sie sich ständig gegen Vorurteile und diskriminierungen wappnen.
"Tun sie sich das hier nicht länger an, das ist nichts für Sie.- Sie sind eine Frau! Suchen Sie sich einen netten jungen Mann und heiraten Sie!"
Die Figuren sind allesamt aufwendig gezeichnet und entführen den Leser authentisch wirkungsvoll in eine der aufregendsten Epochen deutscher Zeitgeschichte.
Trotz einiger Längen hat mir die Lektüre dieses historischen Kriminalromans ausgesprochen gut gefallen und bietet eine willkommene Abwechslung zum depressiv-düsteren Schwedenkrimi.