Maike ist am Ende: Freund futsch, Juristen-Karriere im Eimer, Zukunft nicht in Sicht. Zum Glück hat sie jedoch Kiki, Cousine, beste Freundin und Vermieterin in Personalunion. Kikis Empfehlung, das Universum in die Zukunftsplanung einzubeziehen, zeigt zunächst keine besondere Wirkung - bis ein echter Schicksalsschlag Maikes Leben abermals durcheinander bringt.
Zugegeben: Mit diesem Buch habe ich mich ein wenig im Genre verlaufen. Allerdings habe ich vor kurzem aus Zufall
Trostpflaster: Roman gelesen und fand: anspruchslose Unterhaltung, stellenweise recht putzig, mit ein wenig Hamburger Lokalkolorit - Zuckerwatte zum Lesen, perfekt für einen friedlichen Sonntagnachmittag auf dem Balkon. Auch das Goldstück schien sich bestens für Sonntagnachmittag und Balkon zu eignen. Wer hätte gedacht, dass am Ende des Nachmittages meine Nachbarn besorgt fragen, ob alles in Ordnung sei, während ich ernsthaft überlege, ein Buch aus dem zweiten Stock in Richtung Mülltonnen zu werfen? Das Goldstück ist nämlich eher ein falscher Fuffziger. Und zwar sowohl in Sachen Inhalt als auch in Sachen Charaktere.
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer echten, Existenz-bedrohenden Lebenskrise, und Ihre beste Freundin rät Ihnen: Kein Problem, Schätzchen, die Sache bekommen wir in den Griff. Hier hast du Zettel und Stift, damit schreibst du dem Universum einen Brief, und dann, wirst schon sehen, klappt das alles mit Mann, Job und Zukunft.
Interessanter Ratschlag. Noch interessanter, wenn man weiß, dass Maikes beste Freundin, die ihr just diesen Rat gibt, studiert hat und hauptberuflich erfolgreich als Coach arbeitet. Wie bitte??? Die arbeitet als Coach, verdient, wie wir später erfahren, 70 Euro pro Stunde, und erteilt ihrer wirklich krisengeschüttelten Freundin weichgespülte Lebensweisheiten aus dem Ratgeber-Regal?
Neben dem fundamentalen freundschaftlichen Rat mit den Wünschen ans Universum spielt Kommissar Zufall die Hauptrolle im weiteren Verlauf der Handlung. Es wird aus Versehen an Türen gelauscht, aus Versehen eine Email nicht beantwortet, aus Versehen eine Uhrzeit falsch erinnert, um aus Versehen zu früh zu einer Verabredung zu kommen und dabei aus Versehen jemanden mit dem Fahrrad anzufahren. Aus Versehen mutiert auch die lebensunfähig wirkende Maike zum erfolgreichen Coach... kurz, die ganze Geschichte ist miserabel konstruiert.
Na gut, die Hoffnung stirbt zuletzt, und wenn der Plot schon an den Haaren herbeigezogen ist, dann überzeugen vielleicht wenigstens die Protagonisten. Man sollte doch meinen - denn das ist doch eigentlich das Erfolgsrezept von Romanen dieser Art - dass man sich beim Lesen ein wenig - ansatzweise - nur ein klitzekleines bisschen - mit der Hauptperson Maike identifizieren kann. Um es kurz zu machen: Das kann man nicht, und das möchte man auch nicht. Spätestens, wenn die Fast-Juristin Maike auf Seite 63 einen Knebelvertrag unterschreibt, bei dem auch der Laie "Tu das nicht!" brüllt, ist es mit der Sympathie endgültig vorbei. Stattdessen entwickelt man tiefes Verständnis für ihren Ex-Freund und die Jura-Professoren, die sie durch das Staatsexamen haben fallen lassen.
Selbst unter der Voraussetzung, dass perfekte Helden langweilig sind und Unzulänglichkeiten deshalb vorkommen müssen, bleibt Maike... unerträglich dumm, mit dreißig Jahren unglaublich unselbständig, zu keinerlei Selbstkritik fähig, dafür aber stets bereit zu einem erfrischenden Bad in einer XXL-Wanne voller Selbstmitleid.
OK, man könnte jetzt einwenden: Aber es ist doch ein Unterhaltungsroman, so ein Buch hat halt nicht mehr Tiefgang als eine Alster-Barkasse, das weiß man doch vorher. Klar. Aber die Art und Weise, wie hier echte Probleme - Zukunftsangst, Angst vor den Eltern, Trauer, Schuldgefühle - mittels Zufall und Universum ausradiert werden, ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr unterhaltend, sondern nur noch ärgerlich. Beispiel gefällig? ***SPOILER*** Maike hat zwar immer noch keinen Job, aber einen Mann. Dem verrät sie, was sie eigentlich immer schon werden wollte: Friseurin. Aber einen dreißigjährigen Friseur-Azubi will keiner haben. Antwortet Mann: Ach, hab ich's dir nicht erzählt? Meine Schwester ist doch Friseurin. Die kann dir sicher weiterhelfen.***SPOILER ENDE***
"Goldstück" ist nicht Zuckerwatte, sondern (bleiben wir in Hamburg) Labskaus zum Lesen: Aus gutem Grund nicht jedermanns Geschmack. Einen Extra-Stern gibt es aus Lokalpatriotismus und als Dankeschön für die gastronomischen Hinweise zwischen Stadtpark und Alster. Mein persönlicher Wunsch ans Universum lautet allerdings: Ein schwarzes Loch tut sich auf und verschlingt das "Goldstück".