Angelika Express holen zum dritten Schlag aus: Gewohnt punkiger Power-Pop genannt "Goldener Trash", der nicht nur der Musikindustrie den Finger zeigen will.
Auf Angelika Express ist Verlass. Mit ihrem dritten Album knüpfen sie nahtlos an ihren bisherigen Produktionen an: Punksongs, die nötige Portion Pop zum Mitsingen und leichte Revoluzer-Attitüde.
Eingestiegen in den "Goldenen Trash" wird mit "Was wollt ihr alle", dem schon aus der gleichnamigen Vorab-EP bekannten Song. Ein witziges Paradoxon, denn eindeutiges Indie-Disco-Abgeh-Lied trifft auf "Was wollt ihr alle auf dem Dancefloor"-Refrain. Ähnliche Strategie verfolgen Drakogiannakis und Co. bei "Du trinkst zuviel". Zum Kneipensong prädestiniert stellt sich der Titel textlich gleichzeitig selbst in Frage.
Doch es geht auch ohne Augenzwinkern. Beispielsweise "Platte für Platte" fordert den Ausbruch aus dem Alltagstrott bzw. zieht pfeifend und singend gegen ihn zu Felde. Da sie das Einmaleins der Gesellschaftskritik studiert zu haben scheinen, vergessen Angelika-Express natürlich auch die Medien nicht. Subtil wird bei "Fernsehguggen zu zweit" gegen Sehgewohnheiten rebelliert.
Und so reihen sich die im Schnitt dreiminütigen Parolen und netten Melodien aneinander. Man trifft auf den "Copyright Killer" oder das "Messy Girl" und soll beim Tanzen und Schmunzeln das Nachdenken nicht ganz vergessen. Gegen Ende verliert der Angelika Express plötzlich an Fahrt und wartet mit Liebesliedern auf. Doch der Versuch mit "Lass uns Tanzen" oder "Ich schenke Dir Die Zeit" die Singer-Songwriter-Schublade zu öffnen, überzeugt weder durch Gitarre noch Gesang. Schuster bleib bei Deinen Leisten oder Drakogiannakis halt lieber beim Pop-Punk.
Spannend ist hingegen das Finanzierungskonzept, das Angelika Express fahren. Da kann man sogar guten Gewissens mal den PR-Text großzügig zitieren:
"Nachdem das letzte Album beim Major Sony erschien, geht Tante Angelika nun völlig neue Wege im kaputten Musikgeschäft. Das dritte Album wird über Anteile finanziert, die Fans und Förderer erwerben können: Die 'Angelika-Aktie'. Im Gegenzug werden die Investoren mit 80% am Umsatz der Tonträger und Downloads beteiligt."
Die bewährte Idee nicht nur Mit-Zu-Schunkeln sonder auch -Zu-Denken führen Angelika Express mit "Goldener Trash" konsequent fort. Teilweise mangelt es etwas an Bissigkeit und die Gefahr besteht, in die Belanglosigkeit oder klischee-hafte Gesellschaftskritik abzudriften. Nichtsdestotrotz sollte die stets gut gekleidete Band ihre Fans befriedigen und die Aktionäre auf ihre Kosten kommen.
Kai-Uwe Weser
Kurzbeschreibung
Nun rotiert also nach Jahren erneut eine waschechte Angelika Express im Player und sofort ist man wieder drin. Wir erinnern uns an Hymnen wie "Geh doch nach Berlin" und "Rock Fucker Rock", an Dringlichkeit, Enthusiasmus und die Schweiss treibenden Konzerte einer der besten deutschen Livebands. Anzugträger, die sich hemmungslos die Seele aus dem Leib rocken. Das sind auch die Bilder, die einen über-kommen beim Hören von "Goldener Trash". Ein Album wie ein Aufruf zum letzten Gefecht aufrechten Indietums. Dass es so was noch gibt. Die dritte große Veröffentlichung des Kölner Powertrios erfüllt, was die Vorab EP "Was wollt ihr alle" bereits deutlich versprach. Punk, Power-Pop, Beat, Wave mit unverschämt breitem Grinsen im Gesicht. Mit größter Selbstverständlichkeit und gegen jede Normierung bratzen sich Angelika Express mit "Goldener Trash" wieder mitten ins Geschehen hiesiger Rockmusik. Mit charmantem Witz und großspurigen Slogans qualifizieren sich AE generationsübergreifend als eine Art Toten Hosen des denkenden Mannes. Aus einer punkigen Haltung heraus werden die Abgründe des Alltags so entwaffnend und ironisch besungen, dass der Identifikationsfaktor in Höhe und Breite schnellt. Hier wird Beschwerdekultur richtig gemacht, gröhlend, aber subtil. Dieses Album lässt einen mit gereckter Faust und Träne im Knopfloch zurück. Und den programmatischen Zeilen aus dem Titelsong im Kopf: "Kommst du mit in die Garage? Beten für die Beatmusik. Mach die Augen zu und denk an goldenen Trash!" Lass es Glamour sein, lass es Trash sein, wir lieben es. Die CD erscheint im gewohnt eleganten Digipak mit einem 20-seitigem-Booklet.