Inhalt dieser Rezension:
1. zur deutschen Übersetzung
2. Rezension des Inhalts
3. Fazit
ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG
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Die Bewertung (2 Punkte) bezieht sich auf die deutsche Übersetzung (in der Hauptsache von Wolfram Ströle). Buchinhalt und Original hätten von mir nämlich die Höchstpunktzahl 5 (oder gar jenseits davon) erhalten.
Ich habe "Der Goldene Kompass" zunächst auf Deutsch angelesen und war sehr unzufrieden mit der (wie ich finde) holprigen Wortwahl und den knorrigen Satzkonstruktionen. Ein Lesevergnügen wollte sich nicht einstellen. Also habe ich mir die englischsprachige Originalfassung besorgt und war damit ungleich glücklicher.
Die deutsche Fassung schwächelt stark, und ich kann Stimmen verstehen, die die Erzählweise kritisieren. Ich finde sie unglaublich schlecht und sie erweckt bei mir den Eindruck eines schlampigen Erstversuchs. Ich habe mir später auch die beiden anderen Bücher "Das Magische Messer" und "Das Bernsteinteleskop" auf deutsch vorgenommen. Auch hier bekomme ich beim Lesen direkt die Krise - egal welches Kapitel ich versuche.
Beim direkten Vergleich merkt man besonders, wie der originale Erzählfluss durch ein stolperndes Deutsch gehemmt wird. Immer wieder passt für mich ein Satz nicht flüssig an den nächsten oder (unbedacht?) eingestreute Wörter brechen auch innerhalb eines Satzes den Lesefluss auf.
Ein Beispiel:
Ein einzelner Satz wie "When she felt a little cleaner and her thirst was satisfied, she looked up the slope again, to see that Will was awake." wird übersetzt in "Schließlich fühlte sich Lyra ein wenig sauberer, und ihr Durst war gestillt. [PUNKT] Sie drehte sich um. [PUNKT] Auch Will war inzwischen aufgewacht. [PUNKT]" Im Englischen fließt der Text dahin. Im Deutschen bleibt man ständig stehen (deswegen heißt im Englischen der Satzpunkt wohl auch: full stop) und wird sogar noch um Details betrogen. Was spricht dagegen, es folgendermaßen zu übersetzen: "Als Lyra sich sauberer fühlte und ihren Durst gestillt hatte, schaute sie nochmals den Hang hinauf und sah, dass Will aufgewacht war."?
Warum nur diese "gewaltsame" Textverhunzung???
Im gesamten Text findet man größere Umformulierungen, deren Sinn sich mir nicht erschließt, und Elemente der Geschichte werden nicht immer logisch oder im richtigen Zusammenhang übersetzt. Dass die "Spectres" (oder auch "Specters") in den Dark Materials eine besondere Bedeutung haben, dem das deutsche "Gespenst" in keinster Weise entsprechen kann, ist da wieder nur eines von unzähligen Beispielen.
Wenn jemand von Bord eines Schiffes geht, dies aber lediglich als in der Stadt "ankommen" übersetzt wird, ist das eine Simplifizierung des Sachverhalts, der sich in dieser Form durch die ganze Geschichte zieht und auch bei der Sprachverwendung wie Wortwahl und Grammatik zu finden ist. Weiteres Beispiel: "Quit daydreaming and take a sight." wird zu "Träume nicht, sondern schieße." Was soll das?
REZENSION DES INHALTS
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Dieser Teil der Rezension bezieht sich also auf die englischsprachige Orginialfassung (bzw. die weitgehend identische amerikanische Fassung). Wesentliche Details zum Inhalt der Trilogie "His Dark Materials" (Originalname) von Philip Pullman wurden schon vielfach veröffentlicht, daher will ich diese nicht groß wiederholen, sondern auf Beschreibungen anderer Rezensenten oder die Wikipedia verweisen.
Dies ist also eine Rezension, die sich bemüht, nicht zu viel vom Inhalt der Geschichte preiszugeben. Trotzdem kurz vorab:
Im ersten Band dreht sich die Geschichte im Wesentlichen um Erlebnisse des Mädchens Lyra, die in einer Welt lebt, in der (vereinfacht beschrieben) die Seele eines Menschen in Form eines Tieres außerhalb des menschlichen Körpers lebt. Ab dem zweiten Band kommt ein Junge namens William (oder kurz: Will) dazu, der aus der Welt des Lesers (also unserer eigenen) stammt. Beide Kinder kommen also aus verschiedenen Welten, von denen unzählige "nebeneinander" existieren. Gemeinsam sind sie schließlich hauptverantwortlich dafür, wie sich die Zukunft aller Welten, aller Universen entwickeln wird - zum Guten oder zum Schlechten.
Pullmans Betrachtungsweise der Welt finde ich, ganz schlicht betrachtet, erst einmal interessant und dazu spannend zu lesen. Er greift in seiner Abenteuergeschichte zweier Kinder verschiedene, durchaus reale Aspekte der neuzeitlichen Physik auf und verknüpft sie mit biblisch-religiösen und alternativ-spirituellen Phänomenen. Dabei konstruiert er eine in sich recht stimmige Vielweltentheorie, in der mythologische Erscheinungsformen ebenso ihren Platz finden, wie Hexen, Engel und sogar Gott selbst - obgleich es zu letzterem eine besondere Erklärung/Geschichte gibt, die ich hier nicht verraten möchte.
Nach dem Lesen der "Chroniken von Narnia", in denen mir die omnipräsente christliche Symbolik nicht gefiel, präsentiert sich Pullmans Trilogie, die neben anderen Dingen ebenfalls mit christlichen Ideen durchsetzt ist, erfrischend anders - und dazu noch fantastisch komplex und trotzdem in sich unglaublich stimmig. Philip Pullmann gelingt es, ganz unterschiedliche Disziplinen, wie Physik, Religion, Mythologie, Kulturgeschichte, Ethik und ganz viel mehr derart miteinander zu verweben, dass ich an manchen Stellen beinahe zu glauben geneigt bin: 'Ja, im Kern könnte die Welt und das Leben darin tatsächlich genau so beschaffen sein.' (Dieser Zuspruch für Pullmans Ideen entwickelt sich bei mir auch deshalb, weil ich sowohl in religiös-spirituellen Fragen als auch auf dem Gebiet der Physik durchaus bewandert bin.)
In den "Dark Materials" schafft Pullman eine Welt, in der sich zum Beispiel spirituelle und religiöse Phänomene mit wissenschaftlichen Mitteln erklären lassen - allerdings ist dies eine Wissenschaft, die zwar an die Realität angelehnt, doch in ihren Details frei erfunden ist. In diesem Verflechten von Wissenschaft, Religion, Mythologie, Spiritualität u.v.m. wird aber auch eine typisch strenge wissenschaftlich-technische Betrachtungsweise durch spirituelle Einflüsse aufgeweicht. Unbelebte Materie als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung zeigt plötzlich ein intelligentes Bewusstsein; dafür wird z.B. das, was wir als himmlische Mächte betrachten, entmystifiziert. Diese Dinge versteht Pullman in einer packenden Geschichte zu verarbeiten, in der hauptsächlich die beiden Kinder die Zunkunft der Welt (aller Welten) in den Händen halten.
[Achtung: Vereinzelte Bekanntgabe von Inhaltsteilen (=Spoiler) im folgenden Absatz]
Wie Lyra das Alethiometer (den goldenen "Kompass") liest; wie Will das magische Messer erhält und mit ihm umzugehen lernt; wie die Kinder von einer Welt in die nächste wechseln; wie sie sich selbst und ihre Möglichkeiten weiterentwickeln; wie trotz ihrer besonderen Hilfsmittel nicht alle Probleme ganz leicht gelöst werden können; wie sie, ohne es zu wissen, böse Mächte in die Welten einlassen; wie die "Versucherin" die Welt der Mulefa kennen (und den "Staub" zu sehen) lernt; wie dieser "Staub" für die Erklärung unzähliger Phänomene herangezogen wird; wie der "Staub" sogar in unserer realen Welt als echtes Mysterium unserer Wissenschaftler vorhanden ist; wie Lord Asriel seine Festung gegen die Heerscharen eines himmlischen Imperiums rüstet; wie die Kinder die Totenwelt erkunden, und wie sehr sie und ihre "Seelen" darunter leiden; wie sie den Argwohn gegenüber ihren Begleitern in Freundschaft und Zuneigung ändern; wie sie den Moment des Der-Kindheit-Entwachsen erleben; wie die tiefe Freundschaft unterschiedlichster Wesen zueinander entsteht und eine Gemeinschaft entsteht, die immer und überall füreinander eintritt; wie die Kinder ihre (tiergestaltenen) Seelen zu finden und zu retten versuchen; und wie dies alles als Erzählung miteinander in Einklang gebracht wird...
Dies (und noch viel, viel mehr) macht aus der Trilogie keine einfache Erzählung. Ich halte es vielmehr für ein Kunststück, so eine Welt (resp.: viele Welten) zu erschaffen. Und es ist meines Erachtens auch nicht möglich, nach dem ersten Buch "verstehen" zu wollen, worauf Philip Pullman am Ende hinauswill. "Der Goldene Kompass" ist als Einzelwerk nicht zu begreifen.
Wenn ich es richtig verstehe, haben kirchliche Verbände gerade in den USA zum Teil heftig gegen die "Dark Materials" demonstriert. Im Paralleluniversum des Mädchens Lyra, das sich in großen Teilen recht deutlich von unserem unterscheidet, hat eine dominante Kirche, die mit mittelalterlichen Methoden über die Menschen wacht, keinen besonders sympathischen Stand. In vielen dieser parallelen Universen agiert die institutionelle Kirche fehlgeleitet und im Grunde menschenfeindlich, bzw. sogar entgegen einer Art göttlicher Bestimmung. Dass diese Darstellung den christlichen Kirchen nicht gefällt, ist nachvollziehbar. Doch dass Pullman im Kern ganz vehement FÜR ein moralisches und ethisches Miteinander eintritt, das perfekt zu meinem Bild von christlicher Nächstenliebe passt, fällt wohl bei aller Kritik von christlichen Vereinigungen gerne unter den Tisch.
Weiter zur Erzählung:
Etwas störend empfand ich die Sprünge zwischen verschiedenen Erzählsträngen, besonders in Band 2 und 3.
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