Vor mehr als hundert Jahren lässt Jules Verne seinen kauzigen Romanhelden Clovis Dardentor für eine Stippvisite in Palma an Land gehen und wird damit zum frühesten Vertreter der Geschichten über Mallorca in diesem literarischen Querschnitt durch ein ganzes Jahrhundert. Ihm folgen Vicente Blasco Ibaez, Santiago Rusiol, Robert Graves, Albert Vigoleis Thelen, Tom Crichton, Hansjörg Martin, Karl Otten, E.A.Rauter, Baltasar Porcel, William Graves, Carme Riera, Mario Verdaguer, Gordon West und Albert Reinig.
In 18 Erzählungen und Textausschnitten zeigen die 15 Autoren ein facettenreiches Bild dieser Insel, ihrer Bewohner und Gäste, wie es treffender und bunter, vielfältiger und widersprüchlicher nicht sein könnte.
Es sind Geschichten mit unterschiedlichem literarischem Anspruch, von denen jede einzelne ein Stück Mallorca widerspiegelt, teils voller Spannung, teils von leiser Ironie durchdrungen.
Ihre Helden des Alltags sind dekadente Adlige, sich aufopfernde Reiseleiter, tapfere Widerstandskämpfer, einfache Dorfbewohner, fleißige Fischer, neugierige Touristen sowie eine reumütig heimkehrende Tochter und drei unglückliche Stierkämpfer, um nur einige zu nennen.
In ihrer Gesamtheit bieten die Texte eine unterhaltsame, abwechslungsreiche Lektüre für jeden, der sich die Lieblingsinsel der Deutschen einmal literarisch erschließen möchte.
Hinweise zu den Autoren Blasco Ibañez, Vicente: Geboren 1867 in Valencia, gestorben 1928 in Menton (Frankreich). Spanischer Schriftsteller, Journalist und Anwalt. Ibañez wurde aufgrund seines starken politischen Engagements für die Republik mehrfach inhaftiert und flüchtete später nach Italien und Frankreich. Seine letzten Jahre verbrachte er in Wohlstand an der Côte d`Azur. Ibañez gilt als bedeutendster Vertreter des spanischen Naturalismus. Einem breiteren Publikum wurde er bekannt durch die Hollywood-Verfilmungen einiger seiner Romane. - Los muertos mandan von 1909, (dt. Die Toten befehlen), erzählt die Geschichte Jaime Febrers, eines Vertreters des alten mallorquinischen Hochadels. Im Zentrum des handlungsreichen Geschehens steht Febrers Wandlung vom leichtsinnigen und verschwenderischen Schmarotzer zu einem verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft. Ausgelöst wird diese überraschende Entwicklung durch seine Liebe zu einem einfachen Landmädchen von Ibiza. Crichton, Tom: Geboren 1918 in San Francisco. Journalist und Seefahrer. Autor von abenteuerlichen Reiseberichten, die seine Fahrten auf Nord- und Ostsee, Atlantik und dem Mittelmeer beschreiben. Crichton arbeitete Anfang der 60er Jahre, als die erste große Touristenwelle Mallorca erfaßte, als Reiseleiter auf der Ferieninsel. Dort lernte er Robert Graves (s.u.) kennen, der ihn ermunterte, seine Erfahrungen mit englischen Reisegruppen in einem Buch festzuhalten. Our Man in Majorca von 1963 (dt. Unser Mann auf Mallorca) schildert mit typisch angelsächsischem Humor die oft skurrilen, manchmal tragisch-komischen Situationen, die der Umgang mit Touristen auch heute noch mit sich bringt. Graves, Robert: Geboren 1895 in Wimbledon bei London, gestorben 1985 in Deiá, Mallorca, wo er fast 50 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Graves ist einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Frühe Berühmtheit erlangte er mit seiner Autobiographie (dt. Strich drunter) von 1929. Weitere Bestseller waren seine Claudius-Romane, die den Niedergang des Römischen Imperiums auf originelle Art nachzeichneten. In seinen mallorquinischen Geschichten erweist er sich als intimer Kenner der Verhältnisse auf der Insel. Die hier erstmalig auf Deutsch erscheinende Erzählung Está en su Casa setzt sich auf ironisch distanzierte, aber einfühlsame Art mit dem düsteren und auf Mallorca weitgehend verdrängten Kapitel der Schrecken des Spanischen Bürgerkrieges auseinander. Graves, William: Geboren 1940 in London. Der älteste Sohn von Robert Graves kam 1946 mit Vater, Mutter und zwei Geschwistern aus dem englischen "Exil" nach Deiá, Mallorca, wo er seitdem mit wenigen Unterbrechungen seinen Hauptwohnsitz hat. William, der sein Geld als Ingenieur auf Bohrinseln verdient, offenbart in seiner Autobiographie von 1995 Wild Olives, wie belastend es für Kinder sein kann (und insbesondere für den ältesten Sohn), Nachkomme eines berühmten Autors und darüber hinaus einer großen Persönlichkeit zu sein. Der hier vorliegende Text jedoch konzentriert sich auf die Verhältnisse in Deiá während des Bürgerkrieges und liefert damit den idealen Informationshintergrund zur Geschichte von Williams Vaters Está en su Casa. Martin, Hansjörg: Geboren 1920 in Leipzig, gestorben 1999. Übte viele Berufe aus, bis er als freier Schriftsteller Fuß fassen konnte. Martin lebte seit Anfang der achtziger Jahre zeitweise in seinem Haus im Südosten von Mallorca und veröffentlichte 1994 seine persönliche Hommage an die Insel, Zwölf Monate Mallorca. Er fand als Autor von Kriminalromanen ein breites Publikum und schrieb bereits 1973 den "Thriller" mit dem reißerischen Titel Mallorca sehen und dann sterben, der den heutigen Leser vor allem durch seinen nostalgischen Charme anspricht. Otten, Karl: Geboren 1889 in Oberkrüchten, Rheinland, gestorben 1963 im Tessin (Schweiz). Otten gehörte zu den wichtigsten deutschen Autoren des Expressionismus. Als Pazifist und Sozialist flüchte er 1933 vor den Nazis ins spanische Exil nach Cala Ratjada, Mallorca. Im August 1936, nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs, mußte er erneut vor den Faschisten fliehen und lebte bis 1958 in England, anschließend, bis zu seinem Tod, bei Locarno in der Schweiz. Seit 1944 war er völlig erblindet. Zwei Jahre, nachdem er Mallorca verlassen hatte, publizierte er den anti-faschistischen Bürgerkriegsroman Torquemadas Schatten, der Ottens Erfahrungen in Cala Ratjada, eingebettet in eine spannende Handlung, reflektiert. Vor der Übermacht der nationalistischen Truppen ziehen sich die republikanischen Freiheitskämpfer in das Labyrinth der Höhlen von Artá zurück, wie einst die Mauren vor den christlichen Eroberern. Dort harren sie aus und warten auf die Gunst der Stunde. Otten versuchte mit der glücklichen Rettung seiner Protagonisten am Ende des Romans ein optimistisches Signal im Kampf gegen den Faschismus zu setzen. Leider vergebens, wie die Geschichte zeigt. Porcel, Baltasar: Geboren 1937 in Andratx, Mallorca. Lebt als Romancier, Dramatiker und Journalist in Barcelona. Porcel zählt zu den profiliertesten Autoren Mallorcas in diesem Jahrhundert und wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Sein Hauptwerk besteht aus einem Romanzyklus im Stile des "magischen Realismus" um seine Heimatstadt Andratx, dem auch die in diesem Band abgedruckte Erzählung entnommen ist. Porcel schreibt in Mallorquin, dem katalanischen Dialekt der Insel; nur ganz wenige seiner Werke sind bislang ins Deutsche übersetzt. Rauter, E.A.: Geboren 1929 in Klagenfurt, Österreich. Seit 1965 freier Schriftsteller. Arbeitet vor allem als Romancier und Essayist, aber auch als engagierter Sprachkritiker und -pädagoge. Kam 1957 zum ersten Mal nach Mallorca, wo er in Cala Ratjada auf den Spuren von Karl Otten wandelte (s.o.), ein Haus mietete und sich mit Deutschstunden über Wasser hielt. Seitdem ist er immer wieder zurückgekehrt und veröffentlichte 1988 den schönen Essayband Mallorca Das Land hinter der Bühne, in dem er die unterschiedlichsten Aspekte aus Geschichte und Alltag des Insellebens beleuchtet. Riera, Carme: Geboren 1948 in Palma de Mallorca. Lebt und arbeitet als Professorin für Literatur in Barcelona. Schreibt ihre Romane und Erzählungen, von denen einige auch auf Deutsch erschienen sind, in Mallorquin. Riera gilt als eine der profiliertesten katalanischen Schriftstellerinnen. Nur wenige ihrer Werke weisen direkten Bezug zu Mallorca auf. Die hier aufgenommene Erzählung Heimkehr aus dem Sammelband Liebe ist kein Gesellschaftsspiel umschreibt im Stil des magischen Realismus Rieras ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimat. Die Heimkehr der Protagonistin nach längerem Auslandsaufenthalt in das elterliche Haus in der Serra Tramuntana entartet zu einem traumatischen Erlebnis. Rusiñol, Santiago: Geboren 1861 in Barcelona, gestorben 1931 in Aranjuez. Einer der bekanntesten katalanischen Maler und Schriftsteller seiner Zeit. Veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Nach seiner Ausbildung als Maler in Paris wurde Rusiñol in Spanien durch seine post-impressionistischen Gartenbilder, auch mit mallorquinischen Motiven, berühmt. Sein 1921 erschienener, viel beachteter "Reisebericht" Mallorca - Insel der Ruhe, dem wir zwei Kapitel entnommen haben, ist eine Hommage an ein märchenhaftes Idyll: Mallorca vor dem Sündenfall des Massentourismus. Thelen, Albert Vigoleis: Geboren 1903 in Süchteln/Niederrhein; gestorben 1989 in Dülken/Niederrhein. Thelen studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und ging 1931 zunächst in die Niederlande, anschließend nach Mallorca. Aufgrund seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem NS-Regime kehrte er nicht nach Deutschland zurück, sondern ließ seinen Mallorca-Aufenthalt in ein langjähriges Exil münden. Auf der Insel kam er in Kontakt mit anderen zeitgenössischen Autoren (u.a. Franz Blei (who's that???), Harry Graf Kessler) und konnte nur mühsam seinen Lebensunterhalt mit Aushilfsjobs sichern. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges mußte er, wie viele seiner Freude und Kollegen, Mallorca fluchtartig verlassen, um nicht in Gefahr zu geraten, aufgrund seiner bekannten antifaschistischen Gesinnung verfolgt zu werden. Die Erlebnisse und Erfahrungen seiner Mallorca-Jahre verarbeitete Thelen nach dem Krieg in seinem Schelmenroman Die Insel des zweiten Gesichts, der von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Es sollte Thelens einziger literarischer Erfolg bleiben. Das Kapitel "Als Reiseführer in Soller" ist eine satirische und kurzweilige Auseinandersetzung mit der Borniertheit, welche bis heute touristische Horden kennzeichnet, die auf Mallorca einfallen. Verne, Jules: Geboren in Nantes, 1828; gestorben in Amiens 1905. Verne war ein ungemein produktiver Autor. Neben Zukunftsromanen, in denen er oft technische Erfindungen vorwegnahm (z.B. in Von der Erde zum Mond oder 20,000 Meilen unter Meer) schrieb er auch zahlreiche Abenteuerromane, von denen das hier zitierte späte Werk Clovis Dardentor eher zu den weniger bekannten gehört. Verne läßt zwei Kapitel dieser abenteuerlich-komödiantischen Geschichte auf Mallorca spielen, das er aus eigener Anschauung gut kannte und schätzte. Ein besonderes Faible hatte er für die monumentalen Formationen in den Höhlen von Artá. Vernes Romane gehören zu den am meisten übersetzten Werken der französischen Sprache. West, Gordon: Geboren 1897 in Guildford, Surrey; gestorben 1969 in London. Der Journalist und Reiseschriftsteller Gordon West machte sich im Frühjahr 1929 mit seiner Frau Mary auf den Weg aus dem kühlen, verregneten London, um die damals noch recht unbekannte Baleareninsel Mallorca zu erkunden. Er hielt seine Eindrücke in einem bereits im gleichen Jahr erschienenen humorvollen Reisebericht fest. 1994 entdeckte der BBC-Radio-Moderator Leonard Pearcey das Buch in einem Oxforder Antiquariat. Die Neuausgabe wurde nicht zuletzt dank seiner Lesungen im Radio zu einem Bestseller.