Gleich vorneweg: ich war nie ein Marilyn-Manson-Fan, zumindest nicht, was seine Musik anging. Die visuelle Umsetzung seiner Stücke sowie die Ideen, die das Artwork betreffen, setzten stets neue Maßstäbe, aber musikalisch war Manson nie ein Vorreiter neuer Stilrichtungen. Anfangs mit seinem Entdecker Trent Reznor musikalisch gleichzusetzen, glitt Manson irgendwann in die Pop-Industrial-Ecke ab, wo er heute noch steckt. Umso erstaunlicher, daß ich mich jetzt in den folgenden Ausführungen dafür "rechtfertigen" muß, diesem Produkt die volle Quote zu geben.
Auf "The Golden Age of Grotesque" bin ich über MMs Beitrag zum Matrix Soundtrack gestoßen, der mit "This Is the New Shit" eingeläutet wird und auch später nie mehr dieses anfänglich gesteckte Niveau erreicht. Eben jener Opener sowie das Cover des Soft Cell Klassikers "Tainted Love" haben mich dann doch irgendwann dazu bewegt, in Sachen Manson über meinen eigenen Schatten zu springen. Und ehrlich, glaubt einem Nicht-Manson-Fan: diese Scheibe birgt keinen einzigen schlechten Song. Das liegt zum einen daran, daß die Titel - vielleicht im Gegensatz zu "The Beautiful People"-Zeiten - sehr eingängig sind und sofort Ohrwurmcharakter entfalten, zum anderen, daß Marilyn selbst alles und jeden auf diesem Silbling auf die Schippe nimmt, der ihm vor die Flinte läuft: angefangen bei der Plattenindustrie ("Ka-boom Ka-boom") über seine Ex-Freundin ("Para-noir") bis hin zu sich ("Vodevil") und uns, den devoten Hörern ("Slutgarden").
Dementsprechend dürfen wir uns The Golden Age of Grotesque als Show vorstellen, als Zirkusnummer (man höre nur etwas genauer auf den Titelsong), ja gar als Kabarett, das gnadenlos mit allem und jedem abrechnet, und das so politisch unkorrekt wie eh und je, aber mit letztlich mehr Tiefgang als man das hinter den oberflächlich betrachtet platten Lyrics (s. die Kundenrezension weiter unten) vermuten würde. Manson hat es sicherlich in seiner Position auch nicht mehr nötig, politisch korrekt zu sein. Im Gegenteil, es dürfte für ihn zunehmend schwieriger werden, sich immer wieder neu zu erfinden, um das Konzept der Band aufrecht zu erhalten. Wie bereits in einer anderen Rezension angemerkt, mit seinem Auftreten schockt Manson das Publikum schon lange nicht mehr. So ist auch dieser Schritt zu verstehen, sich nicht als Kultfigur mehr hinstellen zu wollen, sondern als Entertainer verstanden zu werden.
Nun aber zum wichtigsten: der Musik. Durch die ausgefeilte Produktion rockt The Golden Age von der ersten bis zur letzten Sekunde, daß mir schier die Tränen in die Augen schießen. Bombastische Gitarren ("mOBSCENE"), ausgefeilte Synthiearbeit sowie Mitgröhlchöre allererster Sahne ("Vodevil") beweisen, daß MM sich den Vorwurf des Weichspülkommerzes nicht gefallen lassen brauchen. Der Gedanke könnte einem bei "Spade" kurzfristig durch die Hirnwindungen jagen, aber dieser Song stellt einen exzellenten Gegenpart zu den anderen Krachern dieser Scheibe dar und stellt daher eindrucksvoll die Versiertheit der Band unter Beweis.
Durch ihr (neu entdecktes?) Gespür für hitverdächtige Parts haben es MM geschafft, auch Ignoranten wie mich zu überzeugen. Der Sprung von der Ikone zum Entertainer dürfte nicht jedem Fan der ersten Stunde gefallen, sollte aber im Zuammenhang mit der Musik als richtungsweisend eingestuft werden. Für mich repräsentiert The Golden Age of Grotesque daher in Sachen Manson die Stunde Null und ich bin gespannt, was als nächstes kommt.