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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Entertainment statt Kunst ?, 22. Mai 2003
3 von 5Wenn sich Marilyn anno 1998 aufgelöst hätten, wären sie zweifellos als Klassiker der 90er Jahre in die Geschichte der Amerikanischen Rock-Musik eingegangen: Mit nur 3 Alben hatten sich die 5 Freaks mit dem absurdesten, abgedrehtesten und bis dahin schockierensten Bandkonzept aus dem musikalischen Nichts an die Spitze der Billboard Charts gearbeitet: Vom morbid-surrealen Comic Humor des Debüts "Portrait of an American Family"(1995) über den apokalyptischen Horror-Rock von "Antichrist Superstar", bis hin zum glitzernd-bowiesken Glam-Industrial-Mix von "Mechanical Animals": Man kam nicht vorbei an dem Phänomen Marilyn Manson. Wandlungsfähiger als Madonna, kränker als Alice Cooper, geschminkter als Cher, verwegener als der Teufel, unterhaltsamer als jeder beliebige Rockstar, ausserdem basierte das ganze auf einer soliden Grundlage: Auf qualitativ hochwertiger und kreativer Musik. Mit "Holy Wood" (2000) begann dann allerdings die stückchenweise Selbstdemontage, die Entmythifizierung eines Mythos, die allerdings, das muss gesagt werden, mehr als selbstverschuldet war: Zu unglaubwürdig, zu kalkuliert wirkte die (optische und imagemässige) Rückkehr der Band zum Gothic-Look von Antichrist Superstar, nachdem Mechanical Animals kommerziell hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. Auch die Musik, obwohl noch immer recht ambitioniert und alles andere als schlecht, bekam einen etwas faden Beigeschmack: Stichwort Selbstzitat. Aber wenigstens ein recht cleveres (die Mischung von ACS und MM). 2003 scheint eine ganze andere Welt zu sein: Längst gibt es andere Künstler, die es imagetechnisch locker mit Brian Warner und seiner mittlerweilen vergleichsweise fast schon braven Truppe aufnehmen können (optisch: Slipknot oder textlich: Eminem), und so setzt sich der Abstieg einer Band in riesigen Schritten fort: Mit "The Golden Age of Grotesque" verlieren Marilyn Manson nämlich den wichtigsten Faktor ihres bisherigen Schaffens: Den Tiefgang. Denn obwohl man ihre bisherigen Alben immer auch auf der Stufe der Unterhaltung hören konnte, hatten sie doch alle eine zweite, künstlerische, anspruchsvolle Ebene, welche auf GOAG leider vollständig wegfällt. Die Musik auf "The Golden Age..." ist Entertainment pur, man lagert kurzerhand die Kunst-Ebene aus: Die optische Präsentation, welche wie immer bei dieser Band über jeden Zweifel erhaben ist, muss nun alleine die Aufgabe erfüllen, den tieferen Sinn der neuen Platte zu vermitteln. Erschwerend kommt hinzu, dass Jeordie White alias Twiggy Ramirez, Ex-Bassist & bisheriger musikalisch-kreativer Kopf der Truppe die Band verlassen hat, und man dem neuen Bassisten Tim Skold (Ex-KMFDM) genau diesen Job (plus den des Co-Produzenten) übertragen hat. Eben dieser scheint allerdings hoffnungslos überfordert zu sein mit seiner Aufgabe, Twiggys Erbe anzutreten und den Schock-Rockern grandiose Songs auf den Leib zu schreiben. Allzuoft klingt mehr als deutlich der stupide Primitiv-Industrial-Hintergrund von KMFDM bei den "neuen" Mansons durch. 20er Jahre Ästhetik, burlesk-groteskes Theater soll also nun als ästhetischer Hintergrund geboten werden. Die Idee ist dabei durchaus gut, die (musikalische) Ausführung allerdings mangelhaft. Negativerweise scheint Brian Warner nicht nur von der Symbolik der 20er, sondern allzu offensichtlich auch von der der den 30er und frühen 40er Jahren in Deutschland, soll heissen Nazi-Symbolik, fasziniert zu sein. Zwar wäre er wohl der letzte, dem man vorwerfen könnte, mit der Ideologie zu sympathisieren, aber sich "Herr Doktor" zu nennen oder das neue Bandlogo dem SS-Symbol nachzuempfinden zeugt nicht gerade von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Thematik. Schon relativ früh (im ersten Song von "Golden Age of Grotesque") steckt Manson die Grenzen der Platte ab: "Everything has been said before / There's nothing left to say anymore", als Rechtfertigung für die diesmal recht platten Texte und "Let uns entertain you" als programmatische Maxime. Das ist es dann auch, was die Band im folgenden hauptsächlich tut: Unterhalten. Kompakte 3 Minuten Rocker im MTV-Format dominieren das Bild. "GOAG" ist erstmals kein Konzeptalbum, wie man es als MM-Fan gewohnt war, es ist ein 16 Track-Album, dessen Songs alle in sich geschlossene Einheiten bilden, und alleine ihre Wirkung entfalten sollen. Weg ist der dunkle, bedrohliche Industrial, der Glam-Rock, die seltsamen Balladen, die Akustikgitarren, die gezupften Intros, die Mystik & Magie, die tiefgehenden Texte. Was bleibt ist eine moderne Band, die sich durch rhtymusorientierte Industrial-Punk-Songs mit Holzhammer-Riffs rockt und dabei eine recht gute Figur macht. Bei ein paar Stücken blitzt dann sogar noch die Genialität durch, die das bisherige Wirken ausmachte, wie im bizarren Titeltrack, der einer Klavierballade nachempfunden ist oder dem a-melodischen und wirklich grossartigen Post-Grunger, der mit dem Pik-Symbol (engl. Spade) betitelt ist. Man möchte glauben, dass Marilyn Manson das Rockbusiness einfach zu gut verstanden hat, und deshalb diese Platte macht. In dem recht gelungenen und sogar spurweise doch wieder etwas glamigen Stück "Ka-Boom Ka-Boom" wird er deutlicher über seine Intention, ob es nun Sarkasmus sein mag oder nicht: "I like a big car, 'cos I'm a big star, i make big rock and roll hits !" Es wäre schade, wenn das tatsächlich alles wäre, was man vom kommenden Schaffen dieser Band erwarten könnte. Es ist eine recht traurige Differenz bezüglich des kreativen Anspruchs zwischen "Coma White" oder "Lamb of God" und "Mobscene", was in dieser Textzeile leider allzu deutlich wird. Anders hergeleitet: "When i said We, you know I meant Me, when I said sweet I meant dirty" singt Manson im vor sich hin rockenden "Slutgarden". Man muss wohl davon ausgehen, dass er zukünftig "Unterhaltung" meint, wenn er "Kunst" sagt. Die Frage bleibt ob er das tut, weil er es ohne seinen Songwriter Twiggy nicht besser kann, oder weil er es eben nicht mehr anders will. Brian Warner wäre wirklich gut beraten, seine (zugegeben eindrucksvollen) sonstigen künstlerischen Ambitionen etwas beiseite zu stellen und stattdessen wieder die Musik in den Mittelpunkt zu rücken, sonst wird aus seiner Band in naher Zukunft wohl ein verlaufendes Wasserfarben-Abziehbildchen ihrer Selbst, ähnlich wie es Korn unlängst passiert ist. "The Golden Age of Grotesque" ist kein schlechtes Album, aber es fehlen die tieferen Ebenen, die diese Band bisher zu etwas besonderem gemacht haben. Grosses Rock-Entertainment. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es bleibt zu hoffen, dass das hier eine der Platten ist, über die die Beteiligten in ein paar Jahren sagen, dass sie einer Übergangsphase entsprungen sei und sicherlich kein Highlight der Discographie darstellt. Highlights: Ka-Boom / Spade (Pik) / Golden Age of Grotesque / Voodevil
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