Die Goldberg-Variantionen sind so was wie meine musikalische Heimat und Hausapotheke: Bei Anfällen zweifelhafter oder missmutiger Stimmung höre ich diese sehr gerne, da sie mich auf eine Art "natürlichen Normalzustand" zurückbringen. Aber auch ohne diese Voraussetzung (also bei bester Laune) höre ich kein anderes Werk so häufig wie die Goldberg-Variationen von J.S. Bach. Auch summe ich beim Radfahren nichts anderes so häufig (und so voller Inbrunst) vor mich hin.
Bei einer solchen Vorliebe wundert es nicht, dass sich im Laufe der Jahre die Neugierde für Variationen der Variationen in einer ganzen Anzahl von Aufnahmen im Regal niederschlägt. Mika Väyrynen stellt darin bereits die zweite Akkordeon-Aufnahme dar (neben drei Klavier-, zwei Cembalo-, einer Streicher-Trio-, zwei Orgel-, einer Blechbläser-Quintett- und einer Cimbalon-Duo-Aufnahme).
Die Einspielung von Mika Väyrynen zeichnet sich durch eine hohe technische Perfektion am Instrument aus. Man merkt deutlich, dass ihm die völlige Kontrolle jeder Artikulation gelingt. Beim ersten Anhören erschien mir die Interpretation daher etwas weniger "swingend" als bei Wolfgang Dimetrik (ebenfalls Akkordeon). Aber beim zweiten Auflegen für einen Bach-Kenner wurden mir von diesem für die Qualitäten der Aufnahme gleichsam die Ohren geöffnet. Was auf den ersten Blick ein Weniger an Legato und Schmelz war, zeigte sich beim zweiten Hören als pointierte Artikulation der Rhythmik. Denn etwa der "walzerige" Dreiviertel-Takt mancher Variationen macht deutlich, dass die "Mega-Passacaglia", welche die Goldberg-Variationen darstellen, ihre Wurzeln in der Tanzmusik hat. Um dies zu demonstrieren, ergriff der Freund kurzerhand seine Liebste und tanzte mir die Variation vor. So hatte auch ich die Goldberg-Variationen noch nie erlebt - kann das aber nur wärmstens empfehlen (evtl. auch als Tipp für Intendanten!).
Aber nochmals zum Vermeiden von Missverständnissen: Die Einspielung von Mika Väyrynen ist eben nicht eine freie Interpretation ins swingend Tänzerische, sondern von erheblicher Werktreue und Präszision. Das ihm technisch-handwerkliche Können offenbart nur die entsprechenden Qualitäten der Komposition. Denn wo manche andere Interpreten von der musikalischen Komplexität an die Grenzen ihrer Physis anlangen, scheint Mika Väyrynen überhaupt keine Probleme zu kennen.