Die Interpretationsgeschichte der Goldberg-Variationen läßt sich in zwei Phasen einteilen, vor und nach 1955. Davor gab es einige wenige Versuche, diese technisch anspruchsvollen, selten gespielten Baßvariationen (nicht der Melodie, wie sonst üblich) entweder vollständig aufzuführen (Rosalyn Tureck) oder einzuspielen (Wanda Landowska, Claudio Arrau). Doch die Länge und Komplexität der für Graf Kayserlink komponierten Schlafmusik versperrten den Weg zu einer raschen Aufnhame durch das breite Publikum - bis sich plötzlich ein junger Kanadier über die europäisch dominierte Rezeptionsgeschichte Bachs auf eine Art und Weise hinwegsetzte, von der sich diese Variationen bis heute nicht erholt haben.
Über zwei Jahrhunderte vegetierten die Goldberg-Variationen im Archiv der unspielbaren Werke, deren Aufführung nicht anzuraten sei und mit denen man keine Breitenwirkung erzielen könne. Ähnliches galt für Bachs Französische und Englische Suiten, seine zwei- und dreistimmigen Inventionen und - mit Abstrichen - die Partitas. Lediglich das Alte Testament der Klavierliteratur, das Wohltemperierte Klavier, besaß einen Platz im öffentlichen Bewußtsein.
Dann trat Glenn Gould auf den Plan. Gewaltig war der Eindruck, den seine erste Schallplatteneinspielung hinterließ, und kaum einer der nachfolgenden Pianisten war in der Lage, seinem Ansatz etwas Ebenbürtiges oder vergleichbar Interessantes entgegenzusetzen. Derjenige, der diesem Versuch am nächsten gekommen ist, András Schiff, hat zwar eine auf einer imaginären Linie denkbar weit von Gould entfernte Interpretation geliefert, gab jedoch unumwunden zu, auch deshalb Bach so ganz anders zu spielen, weil er eigentlich stark von Gould beeinflußt war.
Zu behaupten, Glenn Gould habe uns gezeigt, daß diese Werke nicht das sind, wofür man sie hielt, ist heute eine banale Feststellung - doch es bedurfte Goulds Widerlegung mehrerer Generationen musikkundiger Aufführungs- und Fachexperten, um sie zu einer solchen werden lassen.
Es ist, als habe er Europa den Staub dieser Partitur ins Gesicht geblasen. Was übrig blieb, war das selbstvergessene Spiel eines jungen Mannes, der die Variationen tiefer und dichter las als andere. Die außergewöhnlichen musikalischen Freiheiten, die er sich nahm - Betonung der Baßvariation in der linken Hand, mitunter eigenwillige Tempovariationen sowie durchgängig analytisches non-legato-Spiel - standen ausschließlich im Dienst der musikalischen Erkenntnis über eines der aufregendsten Werke, das Bach hinterließ und das nun endlich als solches gewürdigt werden konnte.
Der elektrisierende Schwung dieser Variationen hat auch Goulds zweite Einspielung des Werkes (1981, ein Jahr vor seinem Tod) überdauert. Zu den sachkundigen Gründen, die hernach von Otto Friedrich über Peter Ostwald bis hin zu Michael Stegemann ausgebreitet wurden, weshalb diese Einspielung eine Sternstunde der Klaviermusik ist, könnte man einen wesentlichen hinzufügen: Gould spielt die Variationen nicht ‚schön' (wie Gawrilow, Perahia und Rangell) oder ‚klassisch' (wie Kempff, Jarrett, Yudina und andere), nicht 'ansprechend', 'romantisch' oder gar 'authentisch' im Sinne eines fiktiven Ur-Bachs, sondern schlicht außergewöhnlich und eigenwillig, so daß dem Hörer nichts anderes übrigbleibt, als irgendwann reine ‚Gouldberg'-Variationen zu hören, gleichsam für ihn selbst komponiert, um uns zu zeigen, welche Aussagekraft Bach heute noch besitzt.
Goulds Bach ist etwas, das die musikgeschichtliche Interpretationsgeschichte bereichert hat: ein vollkommen eigener, kreativer, gleichzeitig kritisch distanzierter Ansatz, der die Hörer seit einem halben Jahrhundert verzaubert und sie lehrt, Bach selbständig weiterzudenken, so wie Gould es getan hat.