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András Schiff, einer der berühmtesten Pianisten unserer Zeit, unternimmt nun eine Reise durch die schöne, melancholische und herbe Landschaft Bach'scher Kunst. Die eröffnende Aria, aus der sich die 30 Variationen entwickeln, wird von Schiff in zügigem, aber durch die große Präzision des Pianisten nicht überhastet wirkendem Tempo dargeboten. Glockenähnlich die Oberstimmen, dunkel leuchtend das Fundament. Deutlich voneinander getrennt, aber doch miteinander harmonisierend: András Schiff macht aus den Goldberg-Variationen das, was sie sein sollten: eine musikalische Architektur.
Und so baut sich das Gebäude über die heitere Variation 1, die genial quirlig interpretierte Variation 5 und die herrlich innige Variation 9 langsam aber stetig auf. Erst in Variation 15 wird erstmals die Tonart gewechselt: Vom vorherrschenden G-Dur geht es für einmal nach g-Moll. In diesem Kanon dominieren Trauer und Schmerz, Bach offenbart uns tiefste Gefühle. Von einer transparenten Virtuosität sondergleichen zeugt Variation 20, bevor uns Variation 21 wieder auf den schwerfällig melancholischen Boden der Tatsachen zurückholt (g-Moll).
Gegen Schluss baut Bach immer kompliziertere Gerüste, ohne allerdings je die Linie zu verlieren. Variation 25 (die letzte in g-Moll) ist an Leidensfähigkeit kaum zu überbieten. Durch die schöne, beinahe banale Interpretation von Schiff wird sie fast quälerisch. Bis Variation 30 nimmt die Virtuosität und Klangfülle stetig zu, bis Bach nochmals die Anfangs-Aria hinstellt: Schiff interpretiert sie jetzt klanglich bewegter, vom Tempo her aber etwas zurückhaltender. Ein interessanter, viel versprechender Abschluss einer ebensolchen CD. --Rudolf Kamm
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Die Aufnahme entstand live bei einem Konzert am 30. Oktober 2001 in Basel und ist ein eindrucksvolles Dokument der unglaublichen Konzentrationsfähigkeit und tiefen Musikalität eines wahrlich großen Pianisten. Wie keine andere Aufnahme, finde ich - und das will bei der immensen Konkurrenz von Gould bis Perahia einges sagen - findet Andras Schiff die ideale Balance zwischen Kopf und Herz, zwischen Spontanität und Intellekt für dieses so vielschichtige Werk. Auch beim x-ten Hören entdeckt man immer noch neue Wunder und ist jedes Mal aufs Neue gefangen vom Reichtum der Musik.
Dass Andras Schiff wunderbar sensibel und nuanciert spielt, war bei diesem Künster zu erwarten und auch schon in seiner ersten Aufnahme aus der 80er Jahren zu bewundern. Aber die neue Aufnahme ist um so viel reicher, frischer, vielschichtiger, virtuoser, zugleich aber auch noch sensibler, idomatischer, und verschließt sich auch den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis nicht. Und Andrass Schiff spielt einfach unglaublich gesanglich. Im kontrapunktischen Geflecht ist jede Stimme natürlich und sinnvoll phrasiert. Er spielt mit mehr Freude, so scheint es, feiner und musikantischer als der 'Intellektuelle' Glenn Gould in seiner späten Aufnahme, aber nicht weniger durchdacht und sich jederzeit der großen Form und ihren Erfordernissen bewußt. Es werden auf wunderbare Weise Zusammenhänge hörbar und die wahrlich komplexe Form dieser 70 Minuten Kolosses wird natülich nachvollziebar. Eine echte Alternaive zu den bekannten Meilensteinen von Gould, Turek oder Perahia. Wobei auf dem hohen Niveau dieser Giganten natürlich letzten Endes vieles Geschmackssache beibt.
Aber auf jedem Fall ist Andras Schiff eine wunderbare und großartige Aufnahme gelungen, an der ich mich derzeit nicht satt hören kann und die mir neuen Spass, aber auch neue Seiten an Bachs Meisterwerk vermittelt hat. Und schon das allein macht diese CD zu einem Kleinod in meiner Sammlung. Ich kann diese CD guten Gewissens jedem Musikfreund nahelegen. Sie werden den Kauf nicht bereuen, zumal auch die Aufmachung, wie ECM gewohnt, edel und geschmackvoll ist und keine Wünsche offen läßt. Andras Schiff selbst nimmt uns im Booklet zu einer Führung durch die Goldberg Variation mit, und die fand ich sehr lesenswert und hilfreich.
Ich habe Schiff schon einige Male live spielen gesehen - insbesondere 2x das gesamte Wohltemperiere Klavier... was am meisten beeindruckt ist diese fast meditative Versenkung, in die Schiff gleitet, ohne dass sein Spiel dadurch abwesend oder impulslos wirkt... und dieser "Zustand" klingt auch in der neuen Aufnahme durch, Klarheit, Verspieltheit, Gesanglichkeit, Eckigkeit, höchste pianistische Genauigkeit - alles keine Widersprüche, sondern harmonisch zu einem Ganzen gefügt...
Dennoch wäre ich vorsichtig, die Aufnahme über die alte Aufnahme zu stellen... Schiff war damals tief in "seinem" Bach drinnen, die Goldbergvariationen waren ein Teil einer ganzen Serie von Einspielungen, und sieht man diese Einspielungen in einem Beziehungsgeflecht zueinander, so überzeugt die einheitliche Sprache und formale Ausleuchtung genauso wie die spielerisch / gesangliche Komponente, wenngleich mit etwas anderen Akzenten im Vergleich zur neuen Aufnahme der Goldbergvariationen...
Die neue Aufnahme ist daher aus meiner Sicht weniger eine Weiterentwicklung, als vielmehr der Ausdruck und ein Dokument der künstlerischen Entwicklung Schiffs, die wohl auch mit seiner persönlichen Entwicklung als Mensch und dem Älterwerden zusammenhängt... aber keine Angst: Schiff ist nicht zum Hohepriester geworden, denn seine Goldbergvariationen klingen - bei aller geistigen Durchdringung - auch heute noch frisch und gesanglich, ja jugendlich...
PG
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