Aus der Amazon.de-Redaktion
"Sibylle Berg liest eine Auswahl ihrer einfühlsamen Reiseberichte aus Wien, Bangladesh und Castrop-Rauxel, Porträts von Gerhard Schröder, Haruki Murakami und Phillip Boa..." -- schön hat der Verlag das formuliert, hinten auf dem CD-Cover. Nur leider völlig unzutreffend (aber man kann ja wirklich nicht alles vorher lesen oder anhören, was man so verlegt): kein Reisebericht, kein Schröder, kein Boa. Nichts.
Trotzdem eine sehr gute CD. Weil man stattdessen Frau Berg als Kolumnistin erleben darf, was wirklich ein Erlebnis ist: Ihre Sätze surren wie Pfeile durch die Luft. Und treffen ihr Ziel. Zack! Immer! Und dazu die passende Stimme: dunkel, mit etwas zischenden S-Lauten, gebettet auf eine Mischung aus Sanftheit und Spott.
"Manchmal erkenne ich die Welt in den kleinen Dingen, und dann vergesse ich sie wieder. Oder es war gar nicht die Welt, sondern nur Mist." -- die Übergänge zwischen beidem sind wohl fließend, wenn Sibylle Berg losspöttelt und -giftelt gegen Mist und Welt, gegen Nylonstrümpfe, Liebespaare, sadistische Boutiquenverkäuferinnen, "Lachsschnitzel aus Lachsersatz", Schrebergärten, Theatersubventionen, Öko-Fuzzis und Tierschützer, Kinder, Schulbildung sowie Glückssucherei jeglicher Art.
Noch bevor sie ihr erstes Buch (Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot) veröffentlichte, hatte Sibylle Berg als Kolumnistin des Zeit-Magazins Aufsehen erregt mit ihrer frechen Schreibe und ihrem ungewöhnlichen und respektlosen Blick auf das Alltägliche (eben "Welt und Mist"). Nun darf man vielen dieser frühen Texte auf der CD wieder begegnen und mit Vergnügen feststellen, dass Sibylle Berg mit ihrer spitzen Feder die kleine literarische Form ganz besonders gut beherrscht. Chapeau, Madame!
Spieldauer: ca. 70 Minuten. Gold ist auch als Kassette erhältlich. --Christian Stahl
Neue Zürcher Zeitung
Post aus Weimar
Sibylle Bergs gesammeltes «Gold»
In der Beurteilung der Qualität ihrer journalistischen Texte lässt sich Sibylle Berg nicht dreinreden. Für einen kurzen Moment, «wenn das Ding fertig ist», findet sie es gut; «nach einer Stunde ist der Anfall vorbei». Schwieriger wird es nachts im Bett, wenn sie träumt, dass «niemand meine Geschichten liest, weil sie deprimierender Mist sind». Sibylle Berg ist eine gestrenge Kritikerin ihrer selbst, unnachsichtiger noch als die paar wenigen Leser und Leserinnen, die ihren Feuilletons mit Ablehnung begegnen. Eine Auswahl von Leserreaktionen der eher unwilligen Art präsentiert sie nun in der Textsammlung «Gold», die ihre stärksten und umstrittensten Geschichten bündelt, ergänzt um Erstdrucke einiger von den Redaktionen abgelehnter Artikel.
Es scheint vornehmlich die rechtschaffene Bildungselite zu sein, die Bergs Glossen und Reportagen mit fasziniertem Widerwillen konsumiert und ihrem zwiespältigen Vergnügen brieflichen Ausdruck verleiht. Für einen Leser aus Weimar etwa bleibt bei Berg die deutsche Sprache als solche, «vor allem jedoch die Wahrheit» auf der Strecke, aus Karlsruhe kommt das Verdikt «humorlos, flapsig, bemüht originell und schlecht formuliert». In Coburg wurden «inhaltliche und stilistische Katastrophen» gelesen, in Neckargemünd «verbale Kapriolen», der bedenkenswerteste Aufschrei erreichte die Autorin aus Kassel: «Sagen Sie uns endlich, was Sie eigentlich wollen!»
Was will Sibylle Berg? Die Frage ist tatsächlich nicht leicht zu beantworten, die Vermutung, dass sie halt einfach schreiben, erzählen will oder muss, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen womöglich , erscheint nach der Lektüre einer geballten Ladung «Sibylle Berg» am plausibelsten. Die interessantere Frage mag diese sein: Wie ob gut oder schlecht tut sie das? Die Antwort ist einfach genug: Sibylle Berg schreibt flapsig und humorlos, einseitig und ungerecht, bemüht originell, ihre Sprache ist oft eher liederlich als verspielt, die verbalen Kapriolen mehr als gewagt, und wenn der Leser aus Weimar «geistige Noblesse» vermisst, vermisst er das Richtige.
Er vermisst es am falschen Ort. Was einen für die Autorin einnimmt, ist wohl ausserhalb ihres Stils zu suchen, zwischen den Zeilen, bei der Figur des Menschen, der sich in solcher Schreibweise abbildet. Von diesem Menschen geben uns die Geschichten der Sibylle Berg Nachricht. Es ist ein hochgradig desillusionierter, immer verletzlicher, nach Unschuld hungernder Mensch. Sein Blick auf die Welt schwankt zwischen Mitleid und Abscheu, das ihn beherrschende Grundgefühl scheint Angst zu sein, Angst vor dem Mitmenschen, vor der Liebe wie vor ihrem Fehlen, vor dem Alter und dem Tod.
Dass dieser Mensch eine Frau ist, rettet ihn nicht. Diesen Menschen begleitet Sibylle Berg durch eine Gegenwart, in der sozusagen nichts so ist, wie es sein sollte. In seinem fahrig nachdenklichen, nicht selten echt besorgten Blick, der sich so wohltuend von der nörglerischen Selbstzufriedenheit unserer Berufsmoralisten unterscheidet, schildert Berg die Welt als die Vorhölle, die sie, wenn man's so sehen will oder muss, wahrscheinlich ist. Was sie knapp erträglich macht, sind nicht zuletzt die verzweifelt inkorrekten und ebenso sentimentalen, dabei selbst den Trost des «Subjektiven» von sich weisenden Rundumschläge der gebürtigen Weimarerin Sibylle Berg.
Bruno Steiger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.