Goethe ruft an, bei einem recht unbedeutenden Schriftsteller, der sich nichts sehnlicher wünscht, als die Begabung seines langjährigen Bekannten zu besitzen, ebenso berühmt zu sein wie dieser, der schon zu Lebzeiten ein Klassiker ist.
Nein, es ist kein Anruf aus dem Jenseits, es handelt sich natürlich nicht um den echten Goethe, sondern um einen äußerst erfolgreichen Schriftsteller, der vom Ich-Erzähler nur so genannt wird. So, wie auch die anderen Protagonisten dieses außergewöhnlichen Romans nach ihren Eigenschaften benannt werden, und beispielsweise als Fräulein Rottenmeier auftauchen.
Goethe bittet seinen Nacheiferer, ihn bei einem Seminar im Spreewald zu vertreten, weil er selbst in China weile. Das Seminar beginne zwar schon am nächsten Tag, es sei aber kein Problem, es ohne lange Vorbereitung zu leiten, weil alles gründlich in Goethes Manuskript beschrieben sei, jeder Schritt, jede Schreibübung.
Dieses Manuskript wird dem Ich-Erzähler ausgehändigt, ausdrücklich im Original, von dem keine Abschrift existiert. Leider ist der Gute ziemlich chaotisch veranlagt, schafft es nicht, vor Kursbeginn auch nur eine Seite zu lesen, verschläft, und muss das Seminar aus dem Stehgreif halten.
Zu allem Übel versuchen die Kursteilnehmerinnen, ihm das Manuskript abzuschwatzen, und dabei merkt der Ich-Erzähler, dass er das wertvolle Original-Manuskript nicht mehr finden kann'
Dieses intelligente Buch hat mir richtig Spaß gemacht, besonders die literarischen Diskussionen der Kursteilnehmer, in denen es beispielsweise um die Schwierigkeit des ersten Satzes geht.
Auch wenn ich es gewöhnungsbedürftig fand, dass die wörtliche Rede nicht mit Anführungsstrichen gekennzeichnet ist, was ich überhaupt nicht mag, hat mir der Schreibstil sehr gut gefallen.
Eine ganz besondere Spannung erhält das Buch durch den Wechsel zwischen tiefgründigen literarischen Debatten und der witzig geschilderten Überforderung des Ich-Erzählers, mit seiner Rolle als Kursleiter, mit den teilnehmenden Frauen und mit der Suche nach dem Manuskript fertig zu werden.
Ich wünsche diesem klugen Kleinod viele Leser.