Ein Standardwerk, so rühmt der Vorsatz, sei die Biographie des großen Dichters, geistreich und lebendig geschrieben. Verhält sich's so ?
Friedenthal entsproß dem Jahrgang 1896, wuchs noch im Kaiserreich auf; es schlägt sich dies in seinem sorgsam formulierten Stil nieder. Der Duktus ist elegant, erinnert ein wenig an den Golo Manns; das Buch ist nicht umständlich, es ist gemessen geschrieben. Bildhaft ist es nicht. Hie und da wird ein Originalton eingeworfen, wobei der Autor mit der Kenntnis der populärsten Goethe-Zitate rechnen kann; nicht das berühmte Goetz-Wort bringt er an, wohl aber den späteren Kommentar zur Selbstzensur: „Mußt all die garst'gen Worte lindern, aus Scheißkerl Schurken, aus Arsch mach Hintern ".
Tatsächlich kommt die Lektüre ab einem gewissen Punkt leicht ins Stocken; es liegt dies wohl an der Vita selbst, die im Laufe immer weniger Äußerlichkeiten aufzubieten hat, sich immer mehr verinnerlicht. Und Goethes Gedankenwelt ist nicht leicht nachzuvollziehen, zumal er seine Sprache mit anderen als den herkömmlichen Bedeutungen unterlegt. Wer wüßte schon, daß "das Dumpfe" für Ahnung - schöpferische Ahnung - steht ?
Vom Blick auf Goethes Ahnen schlägt Friedenthal den Bogen über die bekannten Lebensstationen Frankfurt, Leipzig, Straßburg, Wetzlar usw. hin bis zur Sterbeszene, die er der mythischen Verklärung entzieht; „mehr Licht" mag der Greis gefordert haben, es ist eher Legende als verbürgt, doch kommt der nüchternere Arzt zu Worte, der ihn zuletzt gesehn, der spricht von gräßlichster Todesangst.
Fundiert ist das Buch gewiß, stützt es sich doch auf verschiedene Quellen, nicht nur die goethefreundlichen; Friedenthal bedauert, daß mancherlei interessantes Zeugnis vernichtet ward, selbst von Goethes eigener Hand.
Insonderheit dem Seelenleben seines Helden widmet sich der Biograph, seinen vielen „Häutungen", der Entwicklung zum etwas altklug-aufschneiderischen, nicht sonderlich fleißigen Studenten, zum kraftmeiernden genialischen Jungdichter, zum naturerforschenden Wanderer, hin zum abgeklärten Olympier, und nicht immer kommt der Dichterfürst dabei gut weg. Freundschaften wie Liebschaften konnte er abstreifen wie ein abgetragenes Kleid, es ist eins seiner Kennzeichen, und neben den Zeugnissen, die ihm Wärme und Freundlichkeit im persönlichen Umgang bescheinigen, werden auch solche genannt, die ihn kühl, unnahbar, unzugänglich erlebt haben. Seine schönsten Liebesgedichte waren Liebchen gewidmet, die er bald darauf verließ, bindungsscheu, wie er ein Leben lang war. Die vielgerühmte Beziehung zu Schiller charakterisiert Friedenthal eher als Kampf denn als Freundschaft, „aber ein höchst fruchtbarer Agon wie bei den Wettbewerben der Griechen", in dem Schiller der aktivere Part zukam. Die vielen Akteure dieses Lebens, die den Protagonisten für mehr oder minder lange Zeit begleiteten, werden ausgiebig gewürdigt, nicht nur die bekanntesten, und deutlich ist der Biograph um Objektivität bemüht. Lediglich Corneliens, Goethes Schwester, gedenkt er mit wenigen und recht kühlen Worten; Sigrid Damms einfühlsamere Darstellung sei hier empfohlen.
In der recht breit angelegten Vita kommt der eine und andere Abschnitt etwas kurz weg, so wird der Harzreise 1777 kaum eine halbe Seite gewidmet (einem Harzer, der alle Nasenlang auf einen Goethefelsen stößt, fällt das auf).
Die Goetheschen Werke werden aus der Lebensphase verständlich, in der sie entstanden sind, trutzig-rauh der frühe „Goetz", abgeklärt die „Iphigenie" der mittleren Lebensjahre, symbolistisch-wunderlich „Faust. Der Tragödie zweyter Theyl", das Alterswerk. Wer die Gesamtausgabe verschlungen hat, findet hier die Hintergründe für die Entstehung. Wer mit dem Dichter nicht viel anfangen kann, kann beruhigt feststellen, daß das Publicum schon zu seinen Lebzeiten ihn nicht nur als Genie hochleben ließ, sondern auch seine Verständnisprobleme mit dessen manchmal wunderlichen Produktionen hatte.
Ein zwiespältiges Bild entsteht vom Dichterfürsten, den Deutschland als seinen wichtigsten feiert und der doch vor allem in Schulbüchern gelesen wird. Dies ist das große Verdienst des Buches: ein differenziertes Bild entworfen zu haben, das neben den unbestrittenen Leistungen auch die Schattenseiten des Dichters zeichnet. In einer kultivierten Sprache, die zu lesen sich immer noch lohnt.