Für Goethes Blutdruck war es sicherlich eine gute Sache, dass es in den deutschen Staaten gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts keine der Öffentlichkeit zugängliche Rezensentenplattform à la Amazon gab, auf der ein jeder sich zum Kommentieren Berufener zu, nun ja, allem seinen Senf dazu geben konnte. Und hätte der große Meister wohl jemals seinen Faust geschrieben, hätte er gewusst, dass sein Werk zwecks Egoschmeichelein diverser Hobbyschreiberlinge "abgeklickt" wird?? Fragen über Fragen über die man sich bei Bedarf den Kopf zerbrechen kann. Safranski tut dies dankenswerterweise nicht, sondern rekonstruiert aus dem Briefwechsel der beiden großen, vielleicht größten, deutschen Schriftsteller die Geschichte einer Freundschaft, ohne die es so große Dramen wie "Maria Stuart" oder den "Wallenstein" in der uns heute bekannten Form niemals gegeben hätte. Gleichzeitig entwirft "Goethe und Schiller - Geschichte einer Freundschaft" ein spannendes Panorama des kulturellen und politischen Deutschlands vor rund 200 Jahren.
"Ein Glück für mich war es..., daß ich Schillern hatte. Denn so verschieden unsere beiderseitigen Naturen auch waren, so gingen doch unsere Richtungen auf Eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte, daß im Grunde keiner ohne den Anderen leben konnte" (310). Goethe wusste, was für ein Freund ihm verloren ging, nachdem der stets kränkelnde Schiller 1805 gestorben war. Elf Jahre zuvor hatte die Freundschaft begonnen, als Schiller einen Einladungsbrief an Goethe schrieb, um ihn zur Mitarbeit an der Literaturzeitschrift "Die Horen" zu bewegen. Goethe zehrte zu diesem Zeitpunkt noch von seinen frühen Erfolgen "Götz von Berlichungen" und "Werther" und war ein bisschen in der Versenkung verschwunden und blieb lediglich durch sein unstandesgemäßes Liebesleben im Gespräch. Goethe nimmt das Angebot an und die sich nun anbahnende Freundschaft zahlt sich für ihn unmittelbar aus. Goethe und Schiller beginnen eine Diskussion über "Wilhelm Meister", den Roman, an dem Goethe zu diesem Zeitpunkt arbeitet, die so fruchtbar verläuft, dass sich ganze Passagen auf Schillers Anmerkungen zurückführen lassen.
"Fahren Sie fort, mich mit meinem eigenen Werk bekannt zu machen" (131). Es war vor allem Schillers Reflexionsgenie, welches Goethe immer wieder faszinierte. Erst durch Schillers Kommentare habe er sich sein eigenes Werk in seiner Gänze erschließen können, so Goethe. Schiller hingegen, aufgrund seines stets angeschlagenen Gesundheitszustandes kaum in der Lage, sein Haus zu verlassen, profitierte von den Erzählungen des vielgereisten Goethe.
Safranski schafft es auf spannende, informative und unterhaltsame Art und Weise, dem Leser Entstehungs- und Ergebnisgeschichte dieser in der deutschen Kulturgeschichte einmaligen Männerfreundschaft darzulegen. Neben dem gegenseitigen Einfluss, den die beiden auf ihre Werke ausübten, erzählt Safranskis Buch auch über die großen und kleinen Tragödien in beider Leben. So entsteht eine nicht nur für Literaturliebhaber interessante Geschichte. Auch der Kampf um das weibliche Geschlecht, die großen historischen Entwicklungen (Napoleon) sowie die neue Philosophie (Kant, Fichte) sind wichtiger Bestandteil dieser Freundschaftsgeschichte.
Fazit: Sei es Philosophie oder Literatur: Safranski hat schon mehrfach in Büchern wie
Nietzsche,
Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit oder
Romantik: Eine deutsche Affäre unter Beweis gestellt, dass er es bestens versteht komplexe Sachverhalte inhaltlich fundiert und unterhaltsam aufzubereiten, ohne dabei zu sehr zu vereinfachen. "Goethe und Schiller - Geschichte einer Freundschaft" fällt genau in diese Kategorie und ist allen an der Thematik Interessierten uneingeschränkt zu empfehlen.